Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Fünf Tage im März – 2: Matchday

Hinterlasse einen Kommentar

Es ist zehn Uhr morgens, kaum habe ich mich hingelegt, ist die Nacht auch schon vorbei. Ich habe mich an der mitternächtlichen Nudelorgie nicht beteiligt und verspüre daher doch ein wenig Hunger, zumindest brauche ich einen Kaffee. Zum Frühstück in der Hostel-Bar „Mint & Limes“ komme ich leider zu spät, der allmorgendliche Braveheart-Contest, das Erreichen einer Duschwassertemperatur im zweistelligen Bereich, bevor die Haut komplett von einem Eispanzer überzogen ist, fordert eben seinen zeitlichen Tribut, außerdem kommt mal wieder kein Aufzug.

Ach ja, der Aufzug. Für Gäste im Euro Hostel stehen bei oberflächlicher Betrachtung zwei Lifte zur Verfügung. Einer davon scheint auch tatsächlich zu funktionieren. Gute Karten hat man, wenn man vom Erdgeschoss aus nach oben fahren möchte, in umgekehrter Richtung kann es durchaus mal etwas länger dauern. Und so kommt es, dass wir unseren Weg aus der 8. Etage nach unten meist zu Fuß absolvieren (immerhin hat es mein Zimmerkollege Matze einmal geschafft, den Fahrstuhl zu unserer Etage zu rufen), den grässlichen 80er-Schinken „The Only Way Is Up“ (Yazz) in den Ohren. Wahrscheinlich sitzt in irgendeinem Observationsraum jemand, der das Ding aus der Ferne steuert, und lacht sich jedes Mal einen Ast, wenn die Leute aufgeben und dann loslaufen. Der Begriff „running gag“ muss einst auf diese Weise entstanden sein. Wie dem auch sei, das Frühstücksbuffet ist bereits geschlossen, also verschieben wir die Nahrungsaufnahme erst einmal.

Das heutige Tagesprogramm hält den ersten Höhepunkt unserer Reise bereit: In der Scottish Premier League trifft Celtic auf Aberdeen. Das war bei der Reiseplanung nicht ganz so vorgesehen, eigentlich wollten wir das Finale des Scottish League Cup besuchen, aber Celtic war im Halbfinale gegen St. Mirren ausgeschieden, so dass wir beizeiten umdisponiert hatten. Die Tickets wurden rechtzeitig bestellt und an der Stadionkasse zur Abholung eine Stunde vor dem Anstoß hinterlegt.

Der Weg zum Celtic Park ist lang, und so haben nach etwa 5 Minuten Fußmarsch die ersten dringend eine Stärkung nötig: Bei McDonalds Bakery in Trongate können die Energiereserven mit Sandwiches aufgeladen werden. Nachdem das erledigt ist, geht es weiter in Richtung Gallowgate, wo auf dem Wege zum Celtic Park der eine oder andere Pitstop eingelegt werden soll.

Der erste Versuch scheitert noch vor Betreten des irisch geprägten Stadtteils in der bereits überfüllten Tolbooth Bar, also beschließen wir, doch gleich in Baird’s Bar einzukehren. Leider haben wir die Rechnung ohne die Glasgower Behörden gemacht, die dem traditionsreichen Etablissement bedauerlicherweise die Ausschanklizenz entzogen haben, so dass wir erneut vor verschlossenen Türen stehen. Leichte Unruhe kommt auf, aber noch gilt: Wer wirklich trinken will, findet auch etwas zu trinken.

Und so haben wir dann im dritten Anlauf endlich das Glück auf unserer Seite, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Im Saracen’s Head finden wir Platz und stimmen uns bei Celtic-Liedern aus den Lautsprechern auf das Spiel ein. Dabei sitzen wir auf dem früheren Stammplatz des 2008 im Alter von 51 Jahren verstorbenen Celtic-Helden und schottischen Nationalspielers (1981-88) Tommy Burns, dem hier ein ehrendes Gedenken bewahrt wird. Vom „Sarry Heid“ aus gelingt es Conny, eine Mitfahrgelegenheit zum Celtic Park zu besorgen, was uns zum einen jede Menge Lauferei erspart, vor allem aber das Zeitfenster für die flüssige Spielvorbereitung erheblich erweitert. Fein gemacht, Conny!

Und so pressen wir uns zu zehnt, die beiden Offenbacher sind inzwischen zu uns gestoßen, auf die uns zur Verfügung stehenden acht Sitze und lassen uns vor die Tore des Celtic Parks chauffieren. Lieber schlecht gefahren als gut gelaufen – is‘ so!

Dann stehen wir vor dem Stadion, das von außen nicht allzu viel her macht. Wir gehen die hinterlegten Karten abholen und dann startet im Celtic Superstore die Souvenirjagd. In dem Laden herrscht ein ebenso dichtes Gedränge wie in den Pubs und Bars von Gallowgate und das geschäftig-hektische Summen ist wahrscheinlich auch lauter als die Atmosphäre im Stadion während des Spiels. Egal – schnell einen Jubiläumsschal zur Erinnerung gekauft und dann nichts wie ins Stadion, schließlich ist schon in 30 Minuten Anstoß.

Am Einlass mache ich eine verblüffende Erfahrung: Kein Mensch interessiert sich für den Inhalt meiner Jacken- und Hosentaschen, oder ob zwischen meinen Beinen alles echt ist. Ich halte einfach die Karte in den Scanner, warte auf das grüne Signal und gehe durchs Drehkreuz – keine Kontrollen, kein Abtasten. Es gibt dafür eine einfache Erklärung, die allgegenwärtigen Kameras und ein riesiger Sicherheitsapparat sorgen dafür, dass sich niemand zu nichts hinreißen lässt.

Ich sagte ja schon, dass dies mein erstes Spiel auf der Insel war, aber auch wenn man schon von den Auswüchsen der Sicherheitsbestimmungen gehört hat, ist es doch etwas anderes, diese mit eigenen Augen zu erleben. Teilweise treibt das übersteigerte Streben nach totaler staatlicher Kontrolle skurrile Blüten – etwa, wenn erwachsene Männer in der Halbzeit heimlich zum Rauchen aufs Klo gehen, oder die pausenlos wie Raubtiere vor den Rängen auf und ab laufenden Stewards, die genau beobachten, ob sich auch wirklich jeder „anständig“ benimmt.

Die nahezu „perfekte“ Abschreckung wirkt sich drastisch auf die Atmosphäre im Stadion aus. Support, wie wir ihn in Deutschland (noch) kennen, gibt es kaum. Stehen wird konsequent unterbunden, bei Toren wird kurz gejubelt, bevor sich alle schnell wieder brav hinsetzen. Die lautstarken Gesänge, die in den 70er Jahren in mir die große Sehnsucht weckten, einmal Fußball auf der Insel zu erleben, bleiben fast völlig aus, lediglich in der dramatischen Schlussphase lässt sich das Publikum mal zu – dann allerdings beeindruckenden – „Ceeeeltic!“-Rufen im gesamten Stadion hinreißen.

Nur selten hört man auch etwas aus der Ultra-Ecke, diese leiden derzeit schwer unter einer Welle von Stadionverboten. Die Mitglieder der Green Brigade tragen zum Spiel schwarze Shirts mit der Aufschrift „Banned Bhoys stand with us“, vor dem Block hängt ein großes Banner mit gleichem Text. Ab und an klingt das allseits bekannte A.C.A.B. über den Platz, ansonsten herrscht mit wenigen Ausnahmen eine Stimmung wie beim Spiel Paderborn-Sandhausen. Aus Aberdeen ist ein ganz anständiger Haufen angereist, der sich ab und zu bemerkbar macht, dem am Ende aber der aus Gästesicht geradezu tragische Spielausgang doch die Stimme verschlägt.

Der Spielverlauf ist in der Tat bemerkenswert. Vom Anstoß weg dauert es wenig mehr als zehn Sekunden und schon liegt der Ball im Gästetor, ohne dass ihn auch nur ein Spieler von Aberdeen berührt hätte, was für ein Auftakt. Kurz vor der Halbzeit gleicht Aberdeen aus und geht nach dem Seitenwechsel innerhalb von 15 Minuten seinerseits mit 3:1 in Führung. Bei Celtic läuft nicht viel zusammen, aber dann kommt Publikumsliebling Samaras aufs Feld – ein Wechsel, der den Gastgebern wieder Leben einhaucht. Kurze Zeit später fällt der Anschlusstreffer zum 2:3, dem nun folgenden Sturmlauf haben die Gäste kaum noch etwas entgegenzusetzen. Es dauert jedoch bis zur 87. Minute, bis der ersehnte Ausgleich fällt. Nun will der CFC alles und tatsächlich gelingt Samaras mit dem letzten Eckball in der 4. Minute der Nachspielzeit der kaum noch für möglich gehaltene Treffer zum 4:3-Endstand. Ein Wahnsinn.

Nach dem Schlusspfiff verlassen die Spieler sofort das Feld, auch die Ränge leeren sich in nur wenigen Minuten. Wir gehen aus dem Stadion und begeben uns wieder stadteinwärts, um nach dem Spiel die Atmosphäre zu erleben, die wir im Stadion so schmerzlich vermisst haben. Unterwegs geraten wir in eine Gruppe jugendlicher Fans, von denen einige die „Banned Bhoys“-Shirts der Green Brigade tragen. Einer singt zur Melodie von „Good night ladies“ auf deutsch „Bullenschweine“ und lässt mich mit dem anschließend skandierten „Scheiß St. Pauli“ kurz an meinem Gehör zweifeln, aber der neben mir gehende Thommy hat das auch gehört. Erstaunlich, aber bestimmt ist der sonst nie da.

Unsere Füße tragen uns schließlich in „The Hoops Bar“, aus der stimmungsvolle Live-Musik nach außen dringt. Da wir auch seit einer Ewigkeit nichts mehr getrunken haben, gehen wir hinein und bahnen uns einen Weg durch dichtes Gedränge in Richtung Tresen, von dem wir uns in den nächsten Stunden nicht mehr wegbewegen werden. Eine dreiköpfige Band spielt traditionelle irische und schottische Lieder, in denen die Queen oder aber eine gewisse Maggie meist nicht sehr vorteilhaft wegkommen, die euphorische Menge tanzt und singt begeistert mit. Teilweise versteht man sein eigenes Wort nicht mehr, die einzigartige Atmosphäre ist so mitreißend, dass niemand von uns auch nur in Erwägung zieht, die Bar zu verlassen. Zwei der Bandmitglieder sehen übrigens unserem Basti sehr ähnlich und begrüßen ihn auf das herzlichste wie einen verloren geglaubten Bruder.

Nachdem die Band ihren Auftritt beendet hat, ziehen wir weiter Richtung Hostel und versuchen es noch einmal in der Tolbooth Bar, wo wir diesmal Glück haben und Platz finden. Vor der Tür stehen ein paar Typen mit Schals eines nicht etablierten Hamburger Modelabels, die von Thommy sicherheitshalber erst einmal mit dem Zweitliga-Ergebnisdienst vom Freitag versorgt werden – er weiß ja auch nicht, ob sie es wussten.

Nach ein, zwei Gläsern kommt plötzlich spontaner Hunger auf, also brechen wir auf und bewegen uns zielstrebig Richtung „Noodle Street“, wo auch ich mich diesmal einer Mahlzeit nicht verweigere, sehr lecker übrigens. Natürlich müssen Thommy, Matze, Helge und – Surprise, surprise! – Seniorenteller-Basti beim Pizzabäcker nebenan noch Nachschlag holen, war aber auch ein langer Tag.

Zum Ausklang entern wir nun noch die gegenüber liegende MacSorley’s Music Bar, kommen gerade rechtzeitig zum Klang der „Last Order“-Glocke und gönnen uns einen Feierabendtrunk, bevor uns um Mitternacht ein Barangestellter hart in der Sache, aber verbindlich im Ton zum Verlassen der Örtlichkeit nötigt.

Ein paar Stunden Ruhe hat jetzt jeder, dann erwartet uns der St. Patrick’s Day.

Fortsetzung folgt.

Bisher erschienen:

1: Welcome/Rednose/Noodles Day

Es folgen demnächst:

3: St. Patrick’s Day

4: Highlands

5: Edinburgh

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s