Hanseator

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Omega Oratorium – Schwerin

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Kirche St. Nikolai (Schelfkirche), 22. April 2016

Gerade mal zwei Jahre sind vergangen seit meinem ersten Omega-Konzert, das ist nicht mehr als ein Wimpernschlag, verglichen mit der Zeit, die zwischen dem Kauf meiner ersten LP und besagter Show 2014 in Rostock lagen.

Mit der Kirche St. Nikolai (Schelfkirche) zu Schwerin war ein ungewöhnlicher Veranstaltungsort ausgewählt worden. Ungewöhnlich weniger für die Band, denn die Oratorium-Tour war ursprünglich vor allem für die Aufführung in Kirchen konzipiert, für mich dafür umso mehr. Wenn ich zurückdenke, habe ich noch nicht allzu viele Konzerte in Kirchen erlebt, ich erinnere mich dunkel an ein paar Freejazz-Events Ende der 70er Jahre in meiner Heimatstadt Altenburg, aber das war es dann auch schon. Wurde also mal wieder Zeit.

Rechtzeitiges Erscheinen sichert gute Plätze, so finde ich mich etwa 90 Minuten vor Konzertbeginn am Veranstaltungsort ein. Dort warten schon etwa 20 Leute, wie es sich für eine Veranstaltung in der Ü50-Kategorie gehört – diszipliniert und geduldig, alte Schule eben. Lediglich die überhaupt nicht frühlingsgemäßen Temperaturen beeinträchtigen die Vorfreude etwas. Die Schlange wächst bis zum Einlassbeginn auf eine beachtliche Länge, insofern war das frühe Erscheinen eine gute Entscheidung. Etwa eine Stunde vor Konzertbeginn öffnet sich die Pforte, wir dürfen ins überraschend warme Kircheninnere.

Beim Eintreten fällt zuerst ein leichter Rauchschleier über der vor dem Altar errichteten Bühne auf, der den Blick kaum merklich trübt und der Szenerie eine unwirkliche Aura verleiht, bevor er sich ganz langsam und allmählich auflöst, während sich der Raum mit Menschen füllt. Einen guten Sitzplatz zu finden, ist gar nicht so einfach, in einer Kirche wird ja fast überall die Sicht eingeschränkt. Vorn in den ersten fünf Reihen ist schon alles besetzt, erstaunlicherweise sind mehr Menschen drin, als draußen vor mir standen. Aber noch ist die Platzauswahl recht groß und ich lasse mich in der ersten noch freien Reihe rechts nieder, von wo aus ich freie Sicht fast auf die ganze Bühne habe, lediglich ein Keyboard wird von den davor aufgebauten Boxen verdeckt.

Etwa 600 Besucher sollen in der Schelfkirche Platz finden, in den engen Kirchenbänken ist Zusammenrücken angesagt. Immerhin wird das Sitzen auf Holz durch Kissen vergleichsweise bequem gestaltet, nur der geringe Bewegungsspielraum für die Beine sorgt dafür, dass sich mit zunehmender Konzertdauer das Knie immer mal wieder in Erinnerung bringt.

Atmosphärisch haben Kirchen als Veranstaltungsorte einiges in die Waagschale zu werfen. Es herrscht eine besondere Akustik, die in Kombination mit der Innenarchitektur beim Besucher eine viel stärkere Konzentration auf das Bühnengeschehen erzeugt, als das in modernen Konzertsälen und –hallen meist der Fall ist, von Stadien ganz zu schweigen. Das ermöglicht eine sehr enge Bindung zwischen Band und Publikum, fast wie bei einem Clubkonzert. Dass nicht pausenlos Leute durch die Menge drängeln, um Bier zu holen oder wieder wegzubringen, ist ein weiterer angenehmer Effekt der örtlichen Gegebenheiten. Und man wird vor dem Konzert nicht von allen Seiten optisch und akustisch mit lärmender Werbung zugedröhnt. Selbst das Merchandising ist „ausgelagert“, der Stand befindet sich gegenüber im Eingang zum Pfarrhaus.

Während zur Einstimmung auf das Konzert Musik von Omega in dezenter Lautstärke aus den Lautsprechern kommt, füllt sich allmählich das Gebäude, es bleiben kaum Plätze frei. Hinter mir werden Mutmaßungen über das Durchschnittsalter der Besucher angestellt, jemand sagt zu mir: „Du bist ja noch keine 50, oder?“ Auch wenn das nur jemand sagen kann, der noch nicht mit ansehen musste, wie ich bei einem dreitürigen Auto auf der Hinterbank Platz nehme, geht das natürlich runter wie Öl. Ein anderer Besucher doziert noch ein wenig zur Bandgeschichte, wir erfahren, dass Omega anfangs noch so eine Art „ungarische Volksmusik“ gemacht hätte, bevor sie sich dann dem „Schpähßrock“ zuwandten. Dann geht es endlich los.

Zunächst nehmen vier Streicherinnen ihren Platz am linken Bühnenrand ein, beziehungsweise verschwinden sie da aus meinem Sichtfeld. Richtig zu hören sind sie im Laufe des Abends nur selten, da sie im gewaltigen Sound von Keyboards und Gitarre doch etwas untergehen. Wie schon vor zwei Jahren umfasst das Programm Lieder aus der gesamten Schaffensperiode der Band, insgesamt kommen 18 Tracks zu Gehör, von denen ich fünf tatsächlich kenne und auch sofort erkenne. Da war die Quote vor zwei Jahren doch noch etwas höher. Aber in mehr als 50 Jahren kommt nun mal eine Menge Material zusammen.

Die Bandbesetzung ist fast identisch mit der Omega Rhapsody 2014, nur Keyboarder Albert Földi ist diesmal für Zsolt Gömöry ins Lineup gerückt. Der charismatische Frontmann János Kobor verzichtet, ganz anders als vor zwei Jahren in Rostock, auf Ansagen zwischen den Songs oder Interaktion mit dem Publikum, nach dem Konzert erfahre ich, dass er aufgrund einer Allergie mit starkem Hustenreiz zu kämpfen hatte. Der Auftritt muss eine Tortur für ihn gewesen sein, dem Gesang merkt man das jedoch kaum, eigentlich gar nicht an, wirklich großartig. Die Arrangements sind in Teilen pathetisch bis bombastisch, letztlich aber ohne dabei zu überziehen. Beleuchtung und Laser-Effekte werden effektiv eingesetzt, das Gesamtbild stimmt und so ergibt sich ein eindrucksvolles Konzerterlebnis, bei dem nach knapp zwei Stunden das berühmte „Mädchen mit Perlen im Haar“ einen würdigen Schlusspunkt setzt.

Nach dem Konzert ergibt sich noch die Gelegenheit, die Musiker bei einer Autogrammstunde persönlich zu treffen. Ich habe ein paar meiner alten Platten dabei, die bei den damals beteiligten Künstlern sogar etwas Wiedersehensfreude auslösen, und nun signiert zurück in den Schrank wandern, aus dem sie jetzt bestimmt wieder etwas öfter heraus dürfen.

Hier noch die Setlist:

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