Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Zu Gast bei „Feinden“ Vol. 3

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FC St. Pauli – SG Dynamo Dresden 2:2, 7. August 2017, Millerntor-Stadion

Regelmäßige Besucher dieses Blogs wissen, dass ich gern mal Spiele außerhalb des hanseatischen Kosmos besuche, auch und besonders da, wo es Hansafans üblicherweise nicht zwingend hinzieht.

Es ist der zweite Spieltag der 2. Bundesliga, das abschließende Spiel am Montagabend hält eine gar nicht mal uninteressante Partie bereit. Mit dem FC St. Pauli und Dynamo Dresden treffen zwei Teams aufeinander, zu denen wir bekanntlich ein sehr spezielles Verhältnis pflegen, man soll ja auch ab und zu mal hingehen, wo es weh tut. Für mich ist es einfach nur eine Gelegenheit, mal wieder am Millerntor vorbeizuschauen, der letzte Besuch ist ja auch schon wieder fast ein Jahr her. Und so ein gelegentlicher Blick über den eigenen Tellerrand hinaus angesichts des Aufeinandertreffens zweier großer und supportstarker Fanszenen kann ja ganz interessant sein.

Die Anreise zum Spiel über eine für Montagabend erstaunlich wenig befahrene A24 gelingt in Rekordzeit, auch auf den Straßen Hamburgs ist es ungewohnt ruhig, und das trotz des gerade stattfindenden Doms. Ich bin also mehr als überpünktlich am vereinbarten Treffpunkt, wo ich von meinem Gastgeber und Bloggerkollegen empfangen werde. Den Einlass zur Gegengerade überwinde ich mit Hilfe einer Jahreskarte. Wusstet ihr schon, dass man die bei St. Pauli mit kleinen Stickern selbst gestalten kann? „Meine“ ist noch im Rohzustand, falls das nächstes Mal immer noch so ist, werde ich eine kleine Kogge spendieren, das ist doch mal etwas ganz eigenes, oder?

Wir sind recht früh dran, daher sind im Block noch Plätze direkt über den Mundlöchern frei, was später das Stehen im dicht gefüllten Block enorm erleichtert, da ich mich auf dem Geländer vor mir abstützen und so mein linkes Knie, dem es gefällt, mich immer mal wieder an eine alte Meniskusverletzung zu erinnern, entlasten kann. Bis zum Anpfiff ist noch gut eine Stunde Zeit, so dass ich zusehen kann, wie sich die Tribünen allmählich füllen.

Der Gästeblock wird nur zu einem Drittel besetzt sein, die Modalitäten des Kartenverkaufes in Dresden haben große Teile der aktiven Fanszene bewogen, dem Spiel fernzubleiben. Erwerb von Vouchers, deren Einlösung vor Ort, inclusive sofortigen Betretens des Stadions nach Erhalt des eigentlichen Tickets – das ist schon sehr befremdlich. Und welchen Wert eine Namensliste im Block befindlicher Personen für die juristisch brauchbare Überführung etwaiger Straftäter nach unerwünschten Vorfällen während des Spiels hat, darf ohnehin bezweifelt werden, zumindest solange in diesem Land noch die Unschuldsvermutung gilt. Ultras Dynamo haben sich diesem Unsinn jedenfalls verweigert. Man muss übrigens kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass es nicht mehr lange dauern wird, dass wir uns auch bei Hansa mit diesem Thema beschäftigen müssen.

Als Akt der Gastfreundschaft bekommen die Dynamofans, wie am Millerntor üblich, ihre Vereinshymne vorgespielt. Die Tonanlage hat beim „12. Mann“ das eine oder andere Problem, aber vielleicht sind die Aussetzer auch ein besonders subtiler Diss. Den Gästefans gefällt es trotzdem, wie die stolz präsentierten Schals beweisen, das Heimpublikum erträgt derweil das musikalische Machwerk mit stoischer Gelassenheit.

Vor dem Spiel werden zwei Spieler verabschiedet, einer davon, Sören Gonther, unterbricht dafür kurz das Warmup und bleibt dann praktischerweise gleich auf dem Platz, da er mit der neuen Saison beim heutigen Gegner unter Vertrag steht. Als letzten Gruß skandiert das Heimpublikum während der Bekanntgabe der Dresdener Aufstellung bei jedem Spieler den Nachnamen des Ex-Kapitäns. Die Harmonie ist geradezu beängstigend, aber zum Glück wird ja bald gespielt.

Sportlich finde ich die Begegnung durchaus sehenswert und unterhaltsam, nach meinem Empfinden ist Dynamo eine kleine Idee besser als die Gastgeber, die ihrerseits mit großem Einsatz versuchen, dagegen zu halten. Das Unentschieden ist am Ende aus meiner Sicht leistungsgerecht, meine Gastgeber hadern zwar ein wenig mit dem verpassten Heimsieg, aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert. Und Dynamo war tatsächlich ein starker Gegner.

Aber wen interessiert schon das Geschehen auf dem Rasen, wenn doch auf den Rängen die Apokalypse lockt, Verzeihung: droht. Das mediale Donnergrollen gewinnt mittlerweile täglich an Intensität, Chef-Propagandist Julian R. hat als erfahrener Frontberichterstatter mit seinen „Zeitungen“ natürlich längst die Lautsprecherrolle beim Feldzug gegen „die Ultras“ übernommen, in Zukunft darf sich die Leserschaft der Krawallpostille (ich werde nie verstehen, dass Leute sich das freiwillig antun und dafür sogar bezahlen, … ja, ja, der Sportteil …) nach Fußballspielen auf gestochen scharfe Bilder nach Art der G20-Fahndung „freuen“, das Vestergaard-“Missverständnis“ ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf Kommendes.

Da können auch relativ seriöse Medien nicht abseits stehen, so wird dann eben im Hamburger Abendblatt ein gewöhnliches Zweitligaspiel schon mal zur Fortsetzung des G20 mit anderen Mitteln hochgejubelt. Eine kleine G20-Nachlese findet später auf den Tribünen natürlich statt, auf Bannern und Tapeten sind diverse Statements hierzu zu lesen. Aber auch DFB und Vereinsverantwortliche bekommen in Sachen Gästetickets ihr Fett weg.

Das akustische Duell mit den Dresdenern bleibt, wie schon erwähnt, mangels Masse aus, die Unterstützung von den Rängen erreicht aber auch ohne gegnerische Reibungspunkte immer wieder beachtliche Lautstärke. Immerhin trägt der Spielverlauf mit zweimaliger Führung und umgehendem Ausgleich ein gutes Stück zur Stimmung bei. Die Lautstärke auf der Gegengerade ist in manchen Momenten wirklich beeindruckend.

Die Fahrt über die mitternächtliche A24 nach Hause verläuft nicht ganz so reibungslos wie am Nachmittag. Ein Schwertransport sorgt eine Weile für spritsparende Fahrweise, später komme ich noch bei Wittenburg an einer Unfallstelle vorbei, die beteiligten Fahrzeuge sehen nicht mehr schön aus, zum Glück ist zu diesem Zeitpunkt die Vorbeifahrt noch möglich, so dass ich verspätet, aber wohlbehalten zu Hause ankomme.

Danke nochmal an N. vom „Magischer FC“ Blog fürs Bereitstellen des Tickets und das Zusammenrücken im Block. Bis zum nächsten Mal!

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