Hanseator

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Backstage mit Freunden

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Feine Sahne Fischfilet – Alles auf Rausch Tour

Rostock, Stadthalle, 23. März 2018

Und … wie fandest du es?“ Was für eine Frage. Es ist zehn Minuten vor halb zwölf am Freitagabend, als Christoph, Jacobus, Kai, Max, Monchi und Olaf schweißgebadet die Treppe hinter der Bühne herunter kommen und von Technikern und ein paar „Ölmützen“ in Empfang genommen werden, während auf der anderen Seite der tosende Jubel von 6000 Menschen nach zwei Stunden im emotionalen Ausnahmezustand nur langsam nachlässt. Jetzt, nur wenige Minuten nach dem furiosen Finale, schaffe ich es vor lauter Adrenalin nicht, auf Monchis einfache Frage eine Antwort zu geben, die über das übliche „Geil! Hammer! Wahnsinn!“ hinaus ginge, also lasse ich es in dem Moment einfach.

So dicht wie heute war ich bei einem Konzert noch nie am Geschehen auf und vor allem hinter der Bühne dran – das verdanke ich der Einladung durch die Band, sie mal bei einem Konzert zu begleiten, und meine Eindrücke danach zu Papier zu bringen, die ich natürlich gern angenommen habe. Ich schließe mich dazu meinen Freunden von den Ropiraten an, zu deren Reihen einige Musiker aus bekannten Rostocker Bands gehören, die heute als „Möwe & die Ölmützen“ einen Teil des Vorprogrammes bestreiten.

Wir treffen uns 14 Uhr am Bühneneingang und werden von dort aus direkt in die Halle geführt, wo letzte Handgriffe beim Bühnenaufbau zu erledigen sind und parallel dazu der Soundcheck begonnen hat. Unser Gastgeber kommt uns zur Begrüßung auf einem Fahrrad entgegen, wir stellen uns kurz zu einem Erinnerungsfoto auf, dann beziehen wir unsere Garderobe, in der sich die „Ölmützen“ auf ihren Soundcheck vorbereiten. Für das Warm-up stehen isotonische Getränke bereit, auf die die Künstler gern zurückgreifen.

Um 15:15 Uhr sind die Ölmützen mit dem Soundcheck dran, ich schaue aus dem Innenraum zu. Nach zwei Durchläufen sind die Einstellungen für die Tontechnik gefunden, ich habe schon jetzt Gänsehaut bei der Vorstellung, wie in wenigen Stunden Tausende dazu durchdrehen werden. Gleich im Anschluss geht es mit Marcus weiter, der die Band bei „Ostrava“ verstärken wird. Kurze Absprache über die Aufteilung der Strophen, dann ist auch das erledigt.

Die unmittelbare Konzertvorbereitung läuft ab wie ein Präzisionsuhrwerk, ein Rädchen greift ins andere, dabei strahlen alle Beteiligten eine unglaubliche Ruhe und Souveränität aus, es gibt nicht das geringste Anzeichen von Hektik. Die Atmosphäre im Team ist großartig, es ist deutlich zu spüren, da sind alle miteinander befreundet.

Schwer beeindruckt bin ich von Boris, der sich um Security und Zutrittsberechtigungen kümmert und dabei auch die abendliche Gästeliste (eine mittlere dreistellige Zahl!) mit allen Feinheiten bewerkstelligt: Backstage und/oder Aftershow und/oder Innenraum und/oder „Familienblock“ und/oder … Dabei ist er die Ruhe in Person, hat den kompletten Überblick, auch bei kurzfristigen „Sonderwünschen“, und lässt sich offenbar durch nichts und niemanden aus dem Gleichgewicht bringen.

Zurück in unserer Garderobe sind die Ölmützen inzwischen vollzählig anwesend und beginnen ihre „Generalprobe“. Die Akustik in dem kleinen Raum ist so gewaltig, dass wir ernsthaft überlegen, den Auftritt gleich hier unten abzuhalten. Das können dann zwar nur wenige Leute sehen, aber für den eigenen künstlerischen Anspruch müssen schon mal Opfer erlaubt sein. Ein paar Zaungäste vor der Halle sehen das wohl ähnlich und versammeln sich draußen am kleinen Garderobenfenster, um die Mützen begeistert zu feiern. Es ist ja nun nicht gerade ein Geheimnis, dass die Ropiraten nicht mehr die Jüngsten sind – umso schöner ist es für sie, eigene Groupies zu haben. So fühlt sich das also für Mick Jagger an.

Dann geht es los, kurz vor 19 Uhr holt Monchi die Jungs zum Auftritt ab, während eines kurzen Catwalks quer durch das Foyer und hoch in die erste Etage werden nach allen Seiten Hände geschüttelt und Freunde begrüßt. Oben angekommen gibt es eine kurze Ansage von Monchi, dann folgen dreißig Minuten gute Laune. Die aufgeführten Songs bedienen ein breites Spektrum: Ärzte, Torfrock, Dritte Wahl, Mainpoint, Subway to Sally und natürlich Feine Sahne Fischfilet. Die Liebeserklärung der Ölmützen an ihre Stadt zum 800. Geburtstag, „Kenneworden“ (ein spezieller Text auf „Über sieben Brücken“), ist der Höhepunkt des kurzweiligen Auftrittes, nach dem es mindestens zwei (ernstgemeinte) Anfragen für Auftritte bei Veranstaltungen im Sommer, weit weg von Rostock gibt.

Eine kurze Pause gönnen sich alle, dann geht es in der großen Halle los. The Baboon Show ist mit ihrer neuen Scheibe „Radio Rebelde“ gekommen. Die relativ kleine Bühne bietet für Cecilia nur wenig Bewegungsfreiheit, so dass sie nicht ihren gewohnten Aktionsradius zur Verfügung hat, dafür gibt es aber umso mehr Stimme. Die neuen Songs sind nicht mehr ganz so „rotzig“ wie „früher“ (ach ja …), klingen runder, ohne dabei etwas von ihrer Power zu verlieren. Höhepunkt wird „You got a problem without knowing it“ vom legendären „Punkrock harbour“. Wer nach diesem energiegeladenen Kurzauftritt mehr sehen und hören will, hat dazu am 28. April im Peter-Weiss-Haus Gelegenheit.

Um 21:15 Uhr beginnt es, der Auftaktsong signalisiert einer Explosion gleich: Feine Sahne Fischfilet ist „Zurück in unserer Stadt“. Über dem Publikum brennt die Luft, und das nicht nur im übertragenen Sinne. 6000 Menschen stehen ab jetzt zwei Stunden lang unter Strom, wie es diese Halle nicht oft erlebt. Bei „Alles auf Rausch“ schwebt, passend zum Refrain vor der Bühne bunter Rauch. Wie im Traum. Un! Fass! Bar!

Die Emotionen sind kaum noch zu steuern, als Monchis Eltern für ihr Lied auf die Bühne kommen, ähnlich war es ja schon bei der Releaseparty im Januar in Loitz. Dann bekommen sie Verstärkung von den anderen Band-Familien, die noch ein paar Geschenke mitgebracht haben. Für „Geschichten aus Jarmen“ springen Monchis Brüder als Frontmänner ein – Party pur auf und vor der Bühne.

Nun schlägt Marcus‘ große Stunde, der sich bei „Ostrava“, für das er vor zehn Jahren den Text beigesteuert hat, mit Monchi den Gesang teilt. Es ist sicher auch für ihn eine unvergessliche Erfahrung, wer kann sonst schon von sich behaupten, dass zu seinem ersten öffentlichen Auftritt 6000 Zuschauer gekommen sind.

Die Atmosphäre in der Halle bleibt unbeschreiblich, auch in vergleichsweise ruhigeren Momenten lässt die Intensität in der Wechselwirkung zwischen „Oben“ und „Unten“ nicht nach. Während ich mit den Ölmützen hinter der Bühne auf ihren Auftritt warte, sorgt der Publikumsgesang bei „Warten auf das Meer“ dafür, dass uns beinahe die Luft wegbleibt: „Ich vergesse nie die Tage da draußen auf dem Meer …“

Und dann ist es so weit. Zum Beginn des zweiten Zugabenteils steigen 17 Ropiraten die Treppe zur Bühne hinauf, verteilen sich zu beiden Seiten des Schlagzeugs und lassen sich dann einfach gehen. Fünf Minuten, in denen das Tourmotto „Alles auf Rausch“ für 17 „alte Säcke“ Realität wird, wie sie es so schnell wohl nicht wieder erleben können. Getragen vom Jubel der 6000, vor ihren Freunden und Familien und in ihrer Stadt, erleben sie die nächsten zehn Minuten wie in Trance – jeder auf seine Weise: mit beiden Armen über dem Kopf winkend, wild herumhüpfend wie die eigenen Kinder (und Enkel) oder einfach nur völlig enthemmt und viel zu nah an den Mikrofonen alles aus sich herausschreiend (Scheiß auf den Soundcheck!): „Wir leben da, wo niemals Ebbe ist.“

Beim Verbeugen fliegt spontan die eine oder andere Mütze ins Publikum, drei Mutige lassen sich nun auch wörtlich vom Publikum auf Händen quer durch den Saal tragen (O-Ton: „Die haben mich fetten Sack einfach getragen, das hätte ich mir nie vorstellen können.“) Die Enkel werden sich eines Tages freuen, bei jeder Familienfeier die Geschichte zu hören, wie Opa damals zehn Minuten lang ein Rockstar war.

Weit hinaus, keine Grenzen im Kopf, nicht mal den Horizont …“ – mit diesem wunderbaren Lied geht ein Abend zu Ende und in die Rostocker Kulturgeschichte ein, den niemand schnell vergessen kann und sicher auch will. Es war ein stimmungsvolles Zusammenkommen von Freunden, Gleichgesinnten, wie ein sehr harmonisches Familientreffen oder – wie ich kurz nach dem Konzert in einem Kommentar überaus zutreffend las – wie ein Jahrgangstreffen, zu dem die Arschlöcher nicht gekommen sind.

Zu Ende gegangen ist auch meine kleine Serie von fünf Konzerten der Band seit Januar, jedes auf seine Weise ein einzigartiges Erlebnis und für immer im Herzen gespeichert. Es werden nicht die letzten bleiben, die dritte Auflage des „Wasted in Jarmen“ steht im August ins Haus. Und nicht zuletzt haben wir ja Anfang April die Filmpremieren von „Wildes Herz“. Mit diesen Menschen hier kann es immer so weiter gehen.

Ach ja, wie fand ich es denn nun eigentlich? Ja, was soll ich sagen? Geil! Hammer! Wahnsinn!

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