Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Hansa historisch, Teil 5

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Fortuna Düsseldorf – F.C. Hansa Rostock 2:0, „ESPRIT.Arena“, 21. Oktober 2011, 2. Liga, 12. Spieltag

Die aktuelle Situation hat unter anderem zur Folge, dass wir weiterhin auf derzeit nicht absehbare Zeit auf unsere liebsten Freizeitbeschäftigungen verzichten müssen, so eben auch auf den Besuch von Fußballspielen in der Gesellschaft guter Freunde. „Geisterspiel“-Inszenierungen im Fernsehen sind dafür nicht wirklich ein Ersatz.

Mir hilft es, mich gelegentlich an vergangene Erlebnisse zu erinnern.Heute ist es ein Spiel, das für uns als Hansafans ja auch irgendwie als „Geisterspiel“ deklariert war. Nach dem Hansa-Gastspiel am 8. Spieltag der 2. Liga 2011/12 im Frankfurter Waldstadion wurde gegen den Hansa-Anhang eine Auswärtssperre für zwei Spiele (Aue und Düsseldorf) ausgesprochen.

Irgendwie war ich trotzdem bei beiden Spielen im Stadion, rückblickend blieben, abgesehen von der traditionell miesen sportlichen Bilanz auf dem Rasen, doch recht witzige Ausflüge im Gedächtnis, besonders, wie wir es allen Hindernissen trotzend doch in die Stadien geschafft hatten, um uns die obligatorischen Niederlagen abzuholen.

Zum Spiel in Aue habe ich seinerzeit leider keinen Bericht verfasst, vielleicht gibt ja die Gedächtnisrecherche irgendwann noch etwas her. Fündig geworden bin ich zumindest für das Spiel in Düsseldorf, hier sind nun Vorschau und Spielbericht für das damalige Online-Fanzine hansafans.de. Viel Spaß beim Lesen und Erinnern!

Vorschau: Jägerlatein

Wer in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schon Westfernsehen hatte, kann sich bestimmt noch an die beiden emanzipierten Grazien erinnern, die „Du darfst“-Salami kauend den folgenden legendären Werbedialog für immer ins Unterbewusstsein der Nation brannten:

Grazie A: „Sag mal … Paul findet meinen Busen zu klein und meinen Bauch zu dick. Und meinen Hintern … Ich allerdings find mich extrem ok.“

Grazie B: „Paul. …Wer ist eigentlich Paul?“

Beide: *kicher*

Wer war nun dieser Paul? Eine Antwort auf diese Frage wurde nie gegeben. Auch wir können heute nur noch spekulieren. Paul Potts, Paul Panzer oder Paul Kalkbrenner? Eher nicht. Auch Johannes Paul II. kam nicht in Frage, zumindest drangen nie Gerüchte über besonderes Interesse seinerseits an dicken Hintern nach außen. Finden wir uns damit ab: Wir werden es nie erfahren.

Wirklich wichtig ist das auch nicht, denn es gibt ja noch andere Pauls, oder heißt der Plural vielleicht Päule? Greifen wir uns doch einfach ein interessantes Exemplar dieser Gattung heraus und nennen ihn Paul Jäger, Finanzvorstand des Zweitligisten Fortuna Düsseldorf. Unser Paul hat kürzlich einem Reporter der „Rheinischen Post“ erklärt, wie das „Reiseverbot für Rostocker Fußballfans“ zum Spiel des FC Hansa in Düsseldorf durchgesetzt werden soll, hier ein kleiner Auszug (Vollständiger Artikel bei RP-Online):

„Jeder Hansa-Fan, der im Stadion erwischt wird, ist reif. Schon das Jubeln bei einem Rostocker Tor wäre für den Betreffenden ein Problem, darauf achten wir. Nötig wäre das allerdings nicht, denn die schießen bei uns sowieso kein Tor.“

Nun weiß jeder, dass Finanzgenies gern markige Botschaften in die Welt hinaus senden und dies sei natürlich auch dem Herrn Jäger unbenommen. Dennoch komme ich nicht umhin, die eine oder andere Aussage doch einmal zu hinterfragen.

„Jeder Hansa-Fan … ist reif.“

Werden Rollkommandos durch die „ESPRIT.Arena“ patrouillieren und jeden Besucher, dem es an Fortuna-Euphorie mangelt, überwältigen und einer angemessenen Bestrafung zuführen? Haben Sie Kopfgeld ausgelobt für jeden aufrechten Fortuna-Anhänger, der einen Agenten der Fünften Kolonne aus dem Ganz Nahen Osten enttarnt?

Und was heißt eigentlich „reif“? Reif für die Insel? Für die Ernte? Reif für ein Baby?! Werden am Getränkeverkauf Personen, deren Mägen die natürlichen Abwehrreaktionen gegen den „Genuss“ der Düsseldorfer Hausmarke zeigen, aussortiert und kopfüber in Altbiermaische gehängt? Oder droht gar ein lebenslanges Zwangsabonnement der Rheinischen Post? Dann vielleicht doch lieber das Maische-Bad?

„Jubeln bei einem Rostocker Tor … wäre … ein Problem.“

Zählt da auch stilles In-sich-hinein-Jubeln im Sitzen oder die in der Tasche geballte Faust? Was ist mit Leuten, die sich freuen, weil sie vielleicht Fortuna einfach nur Scheiße finden? (Um es klarzustellen, das ist bei mir nicht grundsätzlich der Fall. Ich habe nicht vergessen, dass es der Verein Fortuna Düsseldorf war, der zum letzten Spiel der Saison 2009/10 weitaus mehr Karten für Hansafans zur Verfügung gestellt hatte, als es laut DFL-Regularien vorgeschrieben war, und dafür dann durch die Vorfälle im Gästeblock schön in den Arsch getreten wurde, sorry dafür.) Theoretisch müsste den Fortuna-Scheiße-Findern ja das Jubeln erlaubt sein, solange es keine Hansa-Fans sind. Aber soweit muss es ja nicht kommen, denn:

„… die schießen bei uns sowieso kein Tor.“

Dieser Spruch wird Ihnen, verehrter Herr Jäger, hoffentlich noch in zehn Jahren automatisch in den Sinn kommen, sobald sie irgendwo den Namen „Hansa Rostock“ lesen oder hören. Niemand hat etwas gegen gesundes Selbstbewusstsein einzuwenden und die bisherigen Leistungen und Ergebnisse Ihrer Mannschaft bieten durchaus Grund, zuversichtlich in das Spiel zu gehen. Aus dem Munde eines Spielers lasse ich eine solche Äußerung auch als nicht unübliches Psycho-Spielchen durchgehen. Wenn sich Fans im Siegestaumel so artikulieren, ist das nach meinem Verständnis sogar deren Pflicht.

Aber ein Vorstandsmitglied im weichen VIP-Sessel, fernab vom Geschehen auf dem Platz, sollte ein Mindestmaß an Respekt vor dem sportlichen Gegner, auch wenn er in niederen Tabellenregionen rangiert, an den Tag legen. So lange liegt die Dritt- und Viertklassigkeit der Fortuna ja nun auch noch nicht zurück, dass man sich in Düsseldorf nicht an magere Zeiten erinnern könnte. Etwas Bescheidenheit und eine Portion Understatement sind da durchaus angebracht, wer weiß schon, welchen weiteren Verlauf die Saison möglicherweise nimmt. Gehen Sie davon aus, dass am Freitag jeder Hansaspieler schon beim Aufwärmen diesen Satz aus Ihrem Munde im Kopf haben wird.

Und da sind wir bei unseren Jungs. Nach dem ersehnten ersten Saisonsieg wisst ihr nun endlich, wie sich drei Punkte anfühlen – ein großartiges Gefühl, von dem man gar nicht genug haben kann. Mit dieser Erfahrung im Rücken muss ein Erfolg gegen selbstgefällige Düsseldorfer keine Utopie bleiben. Mit kühlem Kopf und heißem Herzen kann nun auch auswärts der erste Sieg eingefahren werden. Wir sind bei euch – egal ob im Stadion oder am Bildschirm.

Allen Hansafans, die sich am Freitag auf den Weg nach Düsseldorf machen, wünschen wir viel Glück am Einlass und einen erlebnisreichen Abend mit positivem Ausgang für unseren FC Hansa. Lasst euch vom Säbelrasseln der Offiziellen nicht verrückt machen, seht es einfach sportlich: Jeder Hanseat im Stadion ist schon mal ein kleiner Teilerfolg. Und wenn ihr euch nicht sicher seid, wie ihr euch verhalten sollt, denkt einfach an den alten Werbespot:

„Paul hat gesagt, wir dürfen nicht jubeln.“

„Paul. … Wer ist eigentlich Paul?“

Wie nicht anders zu erwarten war und wir heute wissen, sollte Paul schließlich Recht behalten.

Bericht: Alte Schule

Was, ihr wart in Düsseldorf im Stadion?! Wie habt ihr das nur gemacht? … Ihr werdet es nicht glauben. Ein Bekannter vor Ort hat im Vorverkauf Tickets für das Spiel gekauft, diese haben wir am Einlass vorgezeigt, und schon waren wir im Stadion. Verrückt, was?

Tatsächlich hatte die Anreise zum Spiel diesen subversiv-konspirativen Touch, den die Älteren noch von Auswärtsfahrten in der DDR-Oberliga kennen: Man reist unauffällig gekleidet und unter Vermeidung von Gruppenbildung zum Spielort, mischt sich dort unter die Einheimischen, „schwimmt mit dem Strom“ durch die Stadiontore und sammelt sich dann im Stadion mit Gleichgesinnten. Getrennt marschieren und vereint schlagen – die alte von-Moltke-Taktik funktioniert eben immer noch. Auf das „Schlagen“ (natürlich nicht im wörtlichen Sinne, sondern akustisch) musste aus bekannten Gründen verzichtet werden, sonst würde uns der Jäger holen.

Unsere Anreise erfolgte per Auto nach Duisburg, von da aus ging es mit der Regionalbahn nach Düsseldorf. Im Zug gab es einen ersten kurzen Test durch den Zugbegleiter, der beim Anblick unserer als Fahrkarten akzeptierten Tickets (Habt ihr das gelesen, Hansa?! Die Eintrittskarten gelten als Fahrschein!) sagte: „Ach, heute ist ja Fußball. Wer soll denn gewinnen?“ Verdammte Scheiße, jetzt haben sie uns. „Öhm, ja gut eh, na ja, … mal sehen … ach, ich weiß nicht …“ (bloß nichts Falsches sagen, die drei Bullen im Abteil oben gucken auch schon so komisch) „… wird nicht einfach heute, …“

Puh, das war knapp! Wie knapp es wirklich war, wurde uns beim Aussteigen in Düsseldorf Hauptbahnhof bewusst, als vor uns eine breitärschige Elefantenkuh (ich entschuldige mich bei allen Elefanten – afrikanischen und indischen – und allen Freunden dieser possierlichen Tierchen), deren fettiges Haar links und rechts des mit stumpfer Axt gezogenen Scheitels in den Farben rot und weiß am zugedröhnten Schädel klebte, gemeinsam mit ihrem Alpha-Rüden (oder wie heißen die Männer bei den Dickhäutern) und zwei minderjährigen Jungen „Scheiß Rostock“ grölend die Treppen vom Bahnsteig hinunter stampfte und mit dem Kernschatten ihres riesigen Hinterteils für eine partielle Sonnenfinsternis im Bahnhofstunnel sorgte. O Fortuna – wenn das Carl Orff geahnt hätte.

Nach kurzem Aufenthalt im Restaurant „Zum Schiffchen“ (nettes Logo übrigens), bei dem unser V-Mann letzte Tickets an den Mann bringen konnte, während ein Späher per SMS-Liveticker Situationsberichte vom Eingang der „ESPRIT Arena“ (ich nenne dieses Wort-Ungetüm jetzt einfach Stadion) lieferte, bestiegen wir dann die U-Bahn Richtung Messe, die uns wohlbehalten direkt vor dem Stadioneingang ablieferte.

Nach kurzer Meditation, die den Puls wieder auf Normalwert brachte, ging ich dann auf den Einlass zu und suchte mir einen Ordner aus, der hoffentlich weder meinen Geburtsort noch den Wohnort kennen würde. Während ich in Gedanken an einer besonders rührseligen Geschichte bastelte (40 Jahre hammse uns eingesperrt, dabei wollte ich doch immer die Fortuna sehen, wir hatten doch nüscht drüben), kam ich nicht mal dazu, in vorauseilendem Gehorsam meinen Personalausweis zu zücken, denn nach kurzem symbolischen Abtasten wünschte mir der sehr freundliche Mann „Viel Spaß beim Spiel!“ und ich war drin. Das war ja einfach.

Zum Spiel waren insgesamt 23500 Zuschauer gekommen, natürlich hatte die Art und Weise des Kartenverkaufes auch beim Heimpublikum nicht gerade für Begeisterung gesorgt. Die Ultras Düsseldorf hatten sich entschlossen, diese unwürdigen Umstände nicht kommentarlos hinzunehmen und verzichteten daher auf organisierten Support. Das bemerkenswerte Statement dazu könnt ihr auf der Homepage der Ultras Düsseldorf finden – Nachlesen und Nachdenken wird hiermit ausdrücklich empfohlen.

Im Stadion sah man dann verschiedene bekannte Gesichter, auch wenn das eine oder andere dank modischer Null-Dioptrien-Sehhilfe oder mit rotem Coca-Cola-Cap schon recht witzig aussah, Karneval lässt grüßen. Manchmal muss man eben Opfer bringen. Irgendwie ist es schon beruhigend zu wissen, dass die Verbote noch so abstrus sein können, dass es aber trotzdem niemand schaffen wird, alle Hanseaten auszusperren. Wie viele von uns es geschafft haben, kann ich natürlich nicht einschätzen, die mir bekannten Hansafans waren über alle Tribünen verteilt, aber gegen Ende des Spieles konnte man sogar den einen oder anderen zaghaften Hansagesang vom Oberrang vernehmen.

Ansonsten kam es, wie es kommen musste: wir wissen zwar immer noch nicht, wer eigentlich dieser Paul ist, aber er sollte Recht behalten. Eine Hansa-Mannschaft, die verbale Sticheleien von Düsseldorfer Seite (man betrachte dazu auch das offizielle Spielplakat) auf dem Platz angemessen beantworten könnte, gibt es derzeit leider nicht. Mit der in Düsseldorf gezeigten biederen Harmlosigkeit fordert man kesse Sprüche nach Jäger-Art geradezu heraus.

So kam es dann eben, dass wir tatsächlich brav und äußerlich teilnahmslos – wie der Großteil der um uns sitzenden Einheimischen – im Sitzen das Spiel verfolgten. Einmal jedoch wäre meine Tarnung fast aufgeflogen, und das kam so:

Das 2:0 fällt und mein Lieblings-Fortune läuft zur Eckfahne und kaspert in perfekter Wurfweite vor meinem Block herum. Ich schaue kurz auf meinen Bierbecher: Material und Füllmenge garantieren eine optimale Flugbahn und wenn ich beim Wurf den richtigen Drall hinkriege, bohrt sich der Griff direkt in seinen Hinterkopf. Soll ich? Dann bekäme das Spiel doch noch seinen Skandal und wir blieben weiter im Gespräch (schlechte Presse ist besser als keine Presse). Ich lasse es dann aber sein und beschränke mich darauf, den Kerl in Gedanken auf unflätigste Art und Weise, die so gar nicht zu meinem adretten Outfit passen will, zu beschimpfen, was mir einen irritierten Blick aus der Reihe vor mir einträgt. Können die Gedanken lesen oder bin ich doch lauter als Fortuna Köln?

Nun ist es endlich vorbei, das skandalträchtige, von lautem Säbelrasseln im Vorfeld begleitete zweite Auswärtsspiel, in dem der FC Hansa auf die Unterstützung seiner Fans verzichten musste. Wie auf Gastgeberseite erhofft und von uns befürchtet, gab es für den FC Hansa nichts zu holen. Ohne zu glänzen, aber eben auch relativ mühelos, sicherte sich Fortuna mit einem 2:0 die drei Punkte, die wir so dringend nötig hätten. Hansa knüpfte nahtlos an den bisherigen Saisonverlauf an: Man spielt relativ gefällig mit, lässt den Ball auch ganz nett durch das Mittelfeld laufen, sobald es aber in die Nähe des gegnerischen Strafraumes geht, ist es mit der Herrlichkeit vorbei.

Da hilft es auch nur wenig, dass die Darbietung der Gastgeber auch nicht besonders überzeugend daher kam, um in Führung zu gehen, musste schon ein … na ja … Elfmeter her. Entschieden wurde das Spiel aber letztlich durch individuelle Klasse, Spieler wie Beister, Lambertz oder Rösler (ja, auch der) sind eben jederzeit in der Lage, auch bei spielerisch überschaubarem Niveau die eine entscheidende Aktion mit einem Tor abzuschließen. derartiges fehlt Hansa in dieser Saison bisher leider komplett. Wenn in dieser Hinsicht überhaupt etwas Mut macht, ist es Tom Weilandt, der bei seinen Kurzeinsätzen jedes Mal für eine deutliche Belebung der Hansa-Offensive sorgte, damit allerdings eben meist allein auf weiter Flur stand.

Noch ist Zeit, aber langsam müssen Erfolge her. Wünschen wir der Mannschaft und den sportlich Verantwortlichen, dass es jetzt endlich gelingt, das Ruder herumzureißen, bevor es aus dem derzeitigen Abwärtssog kein Entrinnen mehr gibt.

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