Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Dorffest

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Wasted in Jarmen 2018, 4. August 2018

Man soll ja die Feste bekanntlich feiern, wie sie fallen. Anlässe für ausgiebige Feierlichkeiten bot mir dieses erste Augustwochenende durchaus: meinen 300. Besuch im Ostseestadion, mein 20. Feine-Sahne-Konzert und damit verbunden mein Debüt als „Ölmütze“, womit ein neuerlicher Perspektivwechsel als Konzertteilnehmer einherging: Auf Front of Stage und Backstage folgt mit beängstigender Konsequenz nun sogar „on stage“, und das beim angesagtesten Dorffest des Landes. Was für ein Jahr!

Auf dem Campingplatz

Ich reise auch in diesem Jahr rechtzeitig an, schließlich hält das Festival auch außerhalb des musikalischen Teils ein reizvolles Rahmenprogramm bereit. Außerdem will ich mir endlich mal den berühmten Campingplatz an der Kieskuhle mit eigenen Augen ansehen und eventuell gleich die Gelegenheit zur Abkühlung in den Fluten nutzen.

Vor dem Eingang wartet eine zweispännige Kutsche. Pferde und Gefährt gehören dem Opa des Feine-Sahne-Bassisten Kai, auf den Bänken freuen sich erwartungsfrohe „Touristen“ auf eine Stadtrundfahrt traditioneller Art, um die Zeit bis zum Beginn der Konzerte noch etwas zu überbrücken.

Gleich dahinter bietet ein Verkaufswagen der Bäckerei zum Storchennest allerlei Leckereien an, die disziplinierte Schlange davor erinnert an längst vergangene Zeiten, Wartegemeinschaften funktionieren immer noch, so etwas verlernt man einfach nicht.

Vor Ort herrscht nach dem gerade beendeten Arschbomben-Contest ein reges Treiben, nahezu jeder Quadratzentimeter Badewiese ist mit Zelten bebaut, in Ufernähe ist vor lauter Menschen das Wasser kaum noch zu sehen. Hmm, das käme jetzt sicher nicht so gut, wenn ich mich mit meinem Astralkörper in der klassischen ostdeutsch-subversiven Bademode der 80er Jahre (die Älteren werden sich erinnern – Modell Prerow) ins Getümmel stürze, also suche ich mir ein etwas weiter abgelegenes Stück Ufer und gönne mir ein paar unbeobachtete Schwimmzüge, bevor ich mich zur Badewiese zurückbegebe.

Vortrag: „NSU. Prozess. Aufklärung. Kein Schlussstrich!“ (Katharina König-Preuss / Die Linke)

Dort haben sich inzwischen schon einige Festivalbesucher versammelt, um gleich einem Vortrag über den „NSU“, dessen Netzwerk und mutmaßliche wie auch verifizierte Helfer und die dubiose Rolle staatlicher Stellen und „Sicherheitsorgane“ sowohl in Bezug auf die indirekte (oder direkte?) Unterstützung dieser Verbrecher als auch bei der Behinderung (Verhinderung?) der Ermittlungstätigkeit nach dem Auffliegen des Trios, zu hören.

Der Vortrag der Thüringer Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss, die wohl in diesem Land wie keine zweite in diesem Thema drin ist, sorgt wiederholt für Kopfschütteln und Frösteln beim Zuhörer angesichts Kompetenzwirrwarr und „handwerklicher Fehler“ der Ermittlungs- und Vollzugsorgane, die immer wieder die Frage aufwerfen: Ist das noch grob fahrlässig oder schon Vorsatz? Hat das Methode? Lügst du noch oder shredderst du schon?

Katharina ist eine begnadete Rednerin und trifft auf aufmerksame, sehr konzentrierte Zuhörer. Die später an sie herangetragene Frage, ob sie über Audiolith gebucht werden könne, kommt nicht von ungefähr. Es sollten tatsächlich noch viel mehr Leute die Möglichkeit bekommen, sich aus dieser ausgezeichneten Quelle zu informieren. Und wenn die Forderung „Kein Schlussstrich!“ nicht irgendwann zur gutgemeinten, aber letztlich inhaltslosen Worthülse verkommen soll, ist es notwendig, die Arbeit der Untersuchungsausschüsse – da, wo es sie gibt – zu begleiten und so für Öffentlichkeit zu sorgen.

Möwe & die Ölmützen

Urlaubszeit und Familienfeierlichkeiten sorgen selbst bei so gestandenen Formationen wie „Möwe & die Ölmützen“ gelegentlich für Personalengpässe, aber einen Auftritt beim „Wasted in Jarmen“ sagt man natürlich nicht ab. So ist es für mich Ehrensache, die Reihen der Mützen zu verstärken, erst recht nach dem grandiosen Auftritt beim „Alles auf Rausch“-Tourfinale im März in der Rostocker Stadthalle. Und wie damals wird es wieder ein unvergesslicher Tag.

Während auf dem Sportplatz das Fußballspiel zwischen Blau-Weiß Jarmen und dem Internationalen FC Rostock stattfindet (der IFC gewinnt 5:3 und revanchiert sich für die Vorjahresniederlage), sind die Ölmützen-Kollegen angekommen, um 16:20 werden wir den musikalischen Teil eröffnen. Eine halbe Stunde vor dem Auftritt sind wir an der Palette-Bühne, wo gerade der zweite Vortrag des Tages stattfindet. Es geht um Seenotrettung, ein sehr ernstes und beklemmendes Thema. Es wird sicher nicht leicht, danach in den Partymodus umzuschalten, aber es ist einfach wichtig, bei aller Feierei im Kopf zu behalten, woran es in der heutigen Zeit krankt.

Nach einer kurzen Pause ist es dann soweit, wir betreten die Bretter, die die Welt bedeuten. Monchi stellt uns kurz vor und dann legen wir los. Mit „Kaperfahrt“ startet unser Set, Männer mit Bärten sind gefragt. Dass wir nicht mal selbst alle dieses Kriterium erfüllen, stört nicht weiter, die wichtigsten Augen im Publikum sind ganz klar auf unseren Poldi gerichtet, denn der hat ganz hervorragende Zähne, wie ihm später von Jarmens berühmtester Zahnärztin bestätigt wird. Immer wieder erstaunlich, worauf Konzertbesucher so alles achten.

Sicher kennt ihr alle das berühmte Sprichwort, das besagt, künstlerischer Erfolg bestehe zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Transpiration. Mit unseren aus rauem Stoff gefertigten Fischerhemden und den praktischen Ölmützen auf dem Kopf ist der korrekte Schweißanteil sichergestellt, an Inspiration mangelt es in der freudbetonten Umgebung der Palette ohnehin nicht.

Die Ölmützen haben übrigens für den heutigen Auftritt weitere prominente Verstärkung bekommen, kein Geringerer als Monchis Vater ist mit dabei, der schon beim Rostocker Konzert den Wunsch geäußert hatte, in Jarmen mit dabei zu sein. Axel ist ein Vollblutkünstler, der ohne vorherige Probenteilnahme abliefert, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. An dieser Stelle fügen sich Inspiration und Transpiration endgültig zusammen.

Die halbe Stunde Auftrittszeit vergeht auf der Bühne wie im Fluge, am Ende wird es sogar zeitlich etwas eng, denn auch Superstars wie die Ölmützen sind bei Festivals natürlich an den Zeitplan gebunden. Gar nicht so einfach, wenn Frontmänner verschiedener Bands (und es waren ja nicht mal alle anwesend) um das Lead-Mikro konkurrieren. Den Leuten rund um die Bühne gefällt es auch, und so wird der gemeinsame Gesang „Wo niemals Ebbe ist“ die perfekte Überleitung in den weiteren Nachmittag. Eine schöne Erfahrung, so etwas mal „von oben“ zu erleben, die später am Abend aber noch einmal um ein Vielfaches getoppt werden soll.

Setlist Ölmützen

Kaperfahrt * Mal es schwarz * Carrickfergus * Schaum auf der Ostsee * Budderfahrt * Kenneworden * Papst und Sultan * Runde um Runde * Seemann * Sternhagelvoll * Wirtshausschlägerei * Wo niemals Ebbe ist

Krach * Hinterlandgang * Rotten Mind * Oironie

Als aktivem „Künstler“ ist es mir diesmal nicht vergönnt, alle Bands zu sehen, man hat halt seine Verpflichtungen – Merch-Verkauf, Autogramme, Interviews, die Fortsetzung der BRAVO-Lovestory, … na ja, wisst ihr ja alle selbst. Wenigstens für die schwedische Band Rotten Mind kann ich mich kurz freischaufeln. Es lohnt sich. In der klassischen Beatles-Besetzung (Zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug) zaubern die vier Jungs aus Uppsala ein wahres Feuerwerk auf die Bühne. Musikalisch geht es in eine ähnliche Richtung wie bei The Baboon Show: geradeaus, kompromisslos und mit Tempo. Vor der Bühne wird getanzt, was das Zeug hält und bis die Luft rot raucht.

Marteria

Als ich wieder hinter die Bühne komme, ist inzwischen der Überraschungsgast des Abends eingetroffen. Es gab ja im Vorfeld schon die eine oder andere Spekulation, auch die im vorab bekannt gegebenen Ablaufplan erkennbare ungewöhnlich lange Pause auf der Hauptbühne (über zwei Stunden) nach Rotten Mind ließ erfahrene Festivalgänger schon ahnen, dass da noch etwas sein muss. Aber wer mag das wohl sein?

Nachdem Thees Uhlmann letztes Jahr erzählt hatte, wie sehr sich Campino doch wünscht, mal mit den Toten Hosen beim „Wasted in Jarmen“ zu spielen, waren diese natürlich ein heißer Kandidat, was sich jedoch mit der Ankündigung des Nachhol-Konzertes in Bremen für den gleichen Tag erledigt hatte. Nun, jetzt ist das Geheimnis gelüftet.

Dass wirklich alle Mitwisser bis zuletzt dichtgehalten haben, wird deutlich, als Monchi kurz nach halb neun die Überraschung bekannt gibt. Ein Aufschrei geht durch das Publikum, plötzlich strömen die locker stehenden Leute nach vorn zur Bühne, wo es kein Halten mehr gibt. Illustriert mit Fackeln und Rauch findet schon mal ein Bühnenabriss statt, der kein Auge trocken lässt. Wilde Tänze, Feuer und Rauch – Oh mein Gott, dieser Himmel!

Feine Sahne Fischfilet

Dann ist das Feld bestellt für das Hauptereignis und die Gastgeber. Nach der üblichen Einstimmung mit Dead Kennedys, Knochenfabrik, Zugezogen Maskulin und den Toten Hosen fällt ein paar Sekunden nach 22 Uhr der Vorhang und das Festivalgelände explodiert. Es geht los, es geht los …

Von jetzt an steht die Fläche vor der Bühne zwei Stunden lang nahezu ununterbrochen in Flammen, der bunte Rauch zieht praktisch nicht mehr ab. Ordner sind pausenlos damit beschäftigt, Fackeln aus der Menge zu holen und zur brandschutzgerechten Entsorgung an Feuerwehrleute zu übergeben. Der dafür bereit stehende Eimer mit Sand glüht schon nach kurzer Zeit selbst, der an einen Hochofenabstich erinnernde Anblick ist atemberaubend.

Die Begeisterung und Ausdauer des Publikums ist so beeindruckend wie ansteckend, gleichzeitig gefällt die gegenseitige Rücksichtnahme, wenn doch mal jemand zu Boden geht. Wie die Feuerwehrleute haben auch die Sanitäter ordentlich zu tun, es gibt aber, soweit ich das mitbekommen habe, keine schwerwiegenden Verletzungen. An dieser Stelle ist schon mal ein riesiges Dankeschön angebracht.

Als sich das Konzert zu seinem Ende neigt, naht auch mein persönlicher Moment des Tages. Mit den Ölmützen darf ich noch einmal auf die große Bühne und zusammen mit der Band „Wo niemals Ebbe ist“ aufführen. Ich bekomme sogar für eine halbe Textzeile das Mikrofon vor den Mund gehalten, „Zuviel Maloche macht uns dumm“ brechen die Worte aus mir heraus. Dass ich gerade vor 4000 Menschen singe (eigentlich ist es mehr Schreien als Gesang), wird mir erst später bewusst. Es ist eine unbeschreibliche Erfahrung, für ein paar Sekunden schweben meine zwei Zentner Lebendmasse förmlich im Raum. Danke an alle, die das möglich gemacht haben.

Bleibenden Eindruck hinterlässt dieser Kurzauftritt auch beim Ölmützen-Geburtstagskind Carschti, dem Monchi mit viel Schwung aus einer Flasche Pfeffi zu trinken gibt. Es ist noch nicht ganz sicher, ob eventuell unser Gebiss-Model Poldi dahinter steckt, der seine strahlenden Beißerchen auch weiterhin als Alleinstellungsmerkmal behalten möchte. Die Ermittlungen laufen.

Setlist Feine Sahne Fischfilet

Zurück in unserer Stadt * Alles auf Rausch * Solange es brennt * Mit Dir * Dorffeste im Herbst * Angst frisst Seele auf * Alles anders * Niemand wie ihr * Geschichten aus Jarmen * Schlaflos in Marseille * Ostrava/Solidarität * Suruç * Lass uns gehen * Ich mag kein‘ Alkohol * Zuhause * Wut * Wir haben immer noch uns

Dreck der Zeit * Warten auf das Meer * Wo niemals Ebbe ist

Für diese eine Nacht * Komplett im Arsch * Weit hinaus

Das dritte „Wasted in Jarmen“ ist Geschichte. Dieses „Dorffest“ steht als Paradebeispiel dafür, was möglich ist, wenn engagierte Menschen mit dem Willen, etwas auf die Beine zu stellen, ihre Kräfte und Fähigkeiten vereinigen und gemeinsam an einem großen Ziel arbeiten. Überall, ob auf dem Festivalgelände, auf Campingplatz oder Sportplatz, sorgen fleißige Helfer in den allgegenwärtigen roten Crew-Shirts ehrenamtlich und rund um die Uhr für einen reibungslosen Ablauf und dafür, dass viertausend Besucher eine wunderbare Zeit haben.

Selbst von Störversuchen wie einem nächtlichen Gülle-Angriff auf den Zeltplatz lässt sich niemand das Wochenende verderben, die Solidarität mit den Betroffenen ist bewundernswert. Die freundlichen und sehr zuverlässigen Sicherheitskräfte haben alles im Griff, und das ohne auf dicke Hose zu machen. Und wie schon in den letzten Jahren habe ich den ganzen Tag nicht einen Polizisten in Uniform erblickt, es ist also tatsächlich möglich, eine solche Großveranstaltung störungsfrei zu bewältigen, wenn es alle Beteiligten wollen.

Abschließend bleibt mir nur, noch einmal Danke zu sagen an alle, die dieses überragende Wochenende ermöglicht haben. Ich freue mich auf das nächste Jahr.

Niemals komplett im Arsch!

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