Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Im Rausch gehen wir auf

Ein Kommentar

Festivalhopping mit Feine Sahne Fischfilet

Teil 3: Open Flair, Eschwege, 11. August 2018

Lass uns zusammen den Rausch probieren … (Dritte Wahl)

Rausch bezeichnet einen emotionalen Zustand der Ekstase, der jemanden über seine normale Gefühlslage hinaushebt. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein, z. B. eine akute Vergiftung mit Rauschmitteln oder auch manische Zustände. (Wikipedia)

Es war nur eine kurze Strecke zu fahren bis nach Eschwege. Als ich gegen 8 Uhr erwache, steht der Nightliner schon eine Weile hinter der Seebühne, wo Feine Sahne Fischfilet heute das diesjährige Programm abschließen wird. Verdammt, jetzt hätte ich mich fast vertippt, der Unterschied zwischen „Abschließen“ und „Abschießen“ beträgt ja nur nur einen Buchstaben. Freudscher Verschreiber nennt man das wohl. Aber der Reihe nach.

Die Zeit bis zum Auftritt um 0:30 Uhr ist lang, wohl dem, der die Fähigkeit besitzt auszuschlafen. Mir ist das heute nicht vergönnt, in irgendeiner der Schlafkabinen versucht ein verzweifelter Wecker vergeblich, seinen Besitzer aus Morpheus‘ Armen zu befreien, alle 60 Sekunden haucht eine sanfte Stimme die aktuelle Uhrzeit dahin: „Es ist jetzt acht Uhr eins.“ … „Es ist jetzt acht Uhr zwei.“ … und so weiter. Wieso höre ich das überhaupt? Bin ich schon alt genug für „präsenile Bettflucht“?

Der Vormittag zieht sich zwischen Frühstück und Mittag ganz schön in die Länge, wie wäre es mit Baden? Die Gastgeber haben vor Blaualgen gewarnt. Monchi ringt um seine Fassung, als ich ihm das sage. Blaualgen?! Ich bin aus Vorpommern, Diggä! Dabei guckt er, als wolle er sagen: Blaualgen sind der Grünkohl des Ostens! Und irgendwie hat er ja auch recht, wir wollen das Zeug ja nicht mal verspeisen. Also – wenn es warm ist, wird gebadet. Punkt! Aber so richtig warm ist es nicht, auch wenn der Regen weitergezogen ist.

Zum Glück gibt es ja heute ein bisschen Fußball. Hansa ist auf dem Weg #gemeinsamnachoben zu Gast in Unterhaching. Um im Stadion dabei zu sein, ist das doch ein bisschen zu weit weg, also versammeln wir uns um 14 Uhr in einer Garderobe, unser Haussender NDR überträgt das Spiel per Stream. Pünktlich zum Anpfiff trifft lieber Besuch ein, ein früherer Hansa- und Juniorennationalspieler und Freunde sind vor dem Bildschirm dabei.

Und nun sitzen wir auf einem Sofa mit einem der aktuell erfolgreichsten Musiker des Landes, einem sehr netten und umgänglichen Typen, der in drei Wochen im ausverkauften Ostseestadion auftreten wird. Wir ärgern uns über den besch…eidenen Spielverlauf, lästern gemeinsam über Schiedsrichter und TV-Kommentator, als wäre das jedes Wochenende so – kann mich mal jemand kneifen? Leider verliert Hansa mit 1:2, am Ende ist es wieder einmal so, wie wir es schon viele Jahre erleben – du hast so eine geile Zeit mit coolen Leuten, wenn nur der Sport nicht manchmal stören würde.

Wir brauchen jetzt etwas Aufmunterung, also stürzen wir uns ins pralle Festivalleben. Zwei Shuttles bringen uns hinüber zur RadioBOB-(Haupt-)Bühne, von wo aus wir einen kleinen Rundgang durch Eschwege unternehmen. Die Atmosphäre in der Stadt, die sich seit Tagen im Partymodus befindet, ist unbeschreiblich. Irgendwie ist jeder Anwohner mit dem Open Flair verbunden. Private Garagen werden kurzerhand zu Biertresen umfunktioniert, es soll ja niemand von Dehydration bedroht werden.

Wir kommen nur langsam voran, Monchi wird immer wieder erkannt und mutiert zum gefragten Selfie-Partner. Dabei kommt es zu denkwürdigen Begegnungen. Ein junger Mann spricht ihn an: „Bist du mal in Wolfsburg beim Fußball festgenommen worden? Ich habe dich damals in der Zelle geweckt.“ Die Welt ist ein Dorf, ich sage es ja. Immer wieder versichern die Leute, auf jeden Fall pünktlich halb eins an der Seebühne zu sein. Das „Festival ohne Headliner“ hat für dieses Jahr einen gefunden.

An einem der vielen Tresen entspinnt sich in Sekundenschnelle ein Duell der besonderen Art: Zwei absolute Schwergewichte flößen sich gegenseitig allerlei flüssigen Substanzen ein, wie in der Mad Max Donnerkuppel: Zwei gehen rein, einer kommt raus. Nur wird bei dem Tempo, das beide vorlegen, wohl eher keiner rauskommen. Könnte interessant werden, immerhin ist ja noch ein Konzert zu spielen. Als Monchi nach mehreren Runden nach Geld für weitere Getränke fragt, wirkt Audiolith-Mastermind Artur erleichtert, während er seine leeren Hosentaschen nach außen dreht. Mit einem leistungsgerechten Unentschieden nach fairem Kampf trennen sich die Kontrahenten, wir gehen zurück zur Seebühne, um noch ein wenig zu chillen, aber von nun an stehen die Zeichen auf Rausch.

Kleiner Zeitsprung – fünf Stunden später:

Normalerweise meide ich Menschenansammlungen und dichtes Gedränge wie der Teufel das Weihwasser, allgemein weiß ich Bewegungsfreiheit durchaus zu schätzen. Und doch finde ich mich eine halbe Stunde vor Mitternacht inmitten einer nahezu hysterisch aufgeladenen, pogenden, wogenden Masse von Körpern und springe fast willenlos im Stakkato der Drums auf und ab. „Adrenalin! Adrenalin! Adrenalin!“ schreit von irgendwoher eine Stimme … MEINE Stimme.

Das Publikum vor der Radio BOB Bühne ist vollständig eskaliert. Marteria und Casper singen mitten in der tobenden Menge ihren neuen Song „Adrenalin“, begleitet werden sie von einem Kameramann und … den „Rostocker Domspatzen“. Nicht eine Sekunde mussten wir überlegen, als wir gefragt wurden, ob wir Lust hätten, beim Videodreh hier auf dem Open Flair mitzumachen. Der „Job“ klingt einfach – eine Art Kreis um die Künstler bilden und diese ein bisschen gegen das größte Gedränge abschirmen. Soll mein Gewichtszuwachs in den letzten Jahren endlich einen Sinn bekommen?

Es wird eines der bizarrsten Erlebnisse dieser Tour für mich. Unmittelbar vor dem Beginn seiner Show begrüßt uns Marten noch kurz hinter der Bühne, wir stoßen auf gutes Gelingen an. Ich habe Glück und erwische auf dem bunt gemixten Tablett einen Pfeffi, keine Ahnung, was sonst noch im Angebot ist. Die Becher landen mit Schwung auf dem Boden, während der Wartezeit auf unseren Einsatz stehen ständig wieder neue Tabletts auf dem Tisch, der Nachschub läuft auf Hochtouren.

Dann ist es so weit, wir stürmen den Bühnengraben, klettern über die Absperrung hinüber (ICH KLETTERE!) und bahnen uns den Weg durch die Menge. Gesteuert von Stresshormonen funktioniert mein Körper irgendwie weiter und ich erreiche tatsächlich meinen angestrebten Platz in der Nähe der Künstler. Neben mir geht eine Fackel an: Adrenalin! Adrenalin! ADRENALIN!

Dann ist der Song zu Ende, ich kämpfe mich zum Ausgang durch, der Adrenalinrausch klingt ganz langsam ab und das Gehirn übernimmt wieder die Steuerung: Ich versuche gar nicht erst, wieder zum Bühnengraben zu gelangen, sondern finde einen Weg über einen seitlichen Durchgang wieder zu meinen Chorkolleg/innen. Habe ich das eben wirklich erlebt? Ein Wahnsinn!

Null Uhr dreißig: Die riesige Menge vor der Seebühne ist kaum zu übersehen. Die Befürchtung der Band, der Veranstalter wolle sie mit der späten Auftrittszeit dissen, löst sich in Luft auf. Wie schon am Nachmittag zu ahnen war, steht hier nun der heimliche Headliner auf der Bühne. Es wird ein Triumph.

Die Leute, von denen wahrscheinlich viele noch geflasht sind vom Marteria-Auftritt, treiben den Rauschzustand auf und vor der Bühne weiter in die Höhe. Die Dramaturgie steuert von einem Höhepunkt zum nächsten. Katharina König-Preuss kommt auf die Bühne und tanzt mit Monchi zu ihrem Lied.

Wenig später erobern Flitzer die Bühne, faszinierend, was aus einem „Bitte keine Fotos von mir“ bei Tourstart im Rausch so werden kann. Bei „Niemals Ebbe“ habe ich plötzlich einen Rauchtopf in der Hand, nach dem Lied erfahren tausende Menschen aus Monchis Mund meinen Namen, jetzt bin ich endgültig ein Star. Beim letzten Song „Komplett im Arsch“ sind dann auch Marteria und Casper noch einmal dabei, das rauschende Finale vereint Band, Crew, Chor und Gäste auf der Bühne, hinter der anschließend bis zur Abfahrt des Busses um 4 Uhr kein Auge mehr trocken bleibt.

Gegen 8 Uhr „erwache“ ich in der Sitzecke des Nightliners, ich habe mein Kissen auf der Tischplatte unter meinem Kopf (Danke dafür, Mia!). Offenbar bin ich pünktlich zur Abfahrt im Bus gewesen. Beeindruckend, wie das auch im Unterbewusstsein funktioniert. Wir sind noch irgendwo auf einer Autobahn unterwegs in Richtung Berlin. Am besten lege ich mich noch ein bisschen hin, ich muss ja später noch fahren.

In wenigen Stunden werde ich ein weiteres Lebensjahr vollenden, für dieses vorzeitige Geburtstagsgeschenk werde ich allen, die das möglich gemacht haben, für immer dankbar sein. Auch wenn es gerade nicht so aussieht:

Wir sind noch nicht komplett im Arsch!

Setlist Feine Sahne Fischfilet

Zurück in unserer Stadt * Alles auf Rausch * Solange es brennt * Mit Dir * Schlaflos in Marseille * Angst frisst Seele auf * Alles anders * Niemand wie ihr * Geschichten aus Jarmen * Ich mag kein‘ Alkohol * Lass uns gehen *  Zuhause * Wut * Wir haben immer noch uns

Für diese eine Nacht * Warten auf das Meer * Wo niemals Ebbe ist * Komplett im Arsch

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Ein Kommentar zu “Im Rausch gehen wir auf

  1. Was für eine schöne Zusammenfassung der kurzen Tour der Rostocker domspatzen.

    Vielen Dank dafür:)

    Und gerne doch;)

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