Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Hier spielt die Musik

Ein Kommentar

Marteria – „Alle oder keiner 2018“, Gäste: Feine Sahne Fischfilet

Rostock, Ostseestadion, 1. September 2018

Kommentarlos, unter strikter Vermeidung jeglichen Blickkontaktes, steuert der Fahrer der Linie 25 seinen Bus zweieinhalb Stunden vor Veranstaltungsbeginn an den bei der Haltestelle „Deutsche Med“ wartenden, überraschten (Beinahe-)Fahrgästen vorüber. Im Fahrgastraum sitzen und stehen die Passagiere dicht gedrängt, vielleicht passen noch drei oder vier Personen hinein, aber offenbar hat das Rostocker Nahverkehrsunternehmen RSAG den Titel des heutigen Konzertes verinnerlicht: Alle oder keiner. Nur eben leider, ohne dies potentiellen Kunden mitzuteilen – Mythos Kommunikation.

Das kann ja was werden. So richtig Lust darauf, die konspirative Anreise zum Ostseestadion zu Fuß zurückzulegen, haben wir nicht, außerdem werden wir schon um 17 Uhr von unseren Künstlerkollegen erwartet. Wir – das sind Adrian, bei dem ich freundlicherweise nach dem Konzert übernachten darf, und ich. Und wer mögen die geheimnisvollen Künstlerkollegen sein? Wieso konspirativ? Nun … wer hier ab und zu mitliest, kennt natürlich die Antwort, und jetzt, nachdem alles vorbei ist, darf ich es endlich auch sagen: Möwe & die Ölmützen sind von Feine Sahne Fischfilet zu einem kurzen Gastauftritt im Vorprogramm der Marteria-Show eingeladen, wir dürfen die Band bei ihrem Erfolgsschlager „Wo niemals Ebbe ist“ unterstützen.

Wir! IM OSTSEESTADION! Es sollen 33000 Tickets für das Konzert des Jahres verkauft worden sein. Wenn ich mich nicht täusche, haben genau zwei Künstler in der langen Geschichte des Stadions mehr Zuschauer angelockt – beide vor dem Umbau. Bei einem der Konzerte war ich sogar selbst dabei: Tina Turner begeisterte 1996 35000 Menschen auf der „Wildest Dreams Tour“. Sie teilt sich den Rekord mit, man mag es kaum glauben, dem Liebling der Hausfrauen: „Wolle“ Petry. Da war ich natürlich NICHT! So oder so hat das Ölmützending in diesem Jahr gigantische Ausmaße angenommen, die besten Ideen hat der Mensch eben doch an Orten, die mit K beginnen.

Adrian und ich warten nicht an der Haltestelle auf den nächsten Bus, sondern nehmen unser Schicksal in die eigenen Hände und gehen zur Starthaltestelle der Linie am „Dobi“. Platz im Bus ist jetzt ausreichend vorhanden, und so erscheinen wir dann doch beinahe pünktlich am Treffpunkt – dank der auf „tropisch“ eingestellten Klimaanlage im Fahrgastraum nicht weniger verschwitzt, als wären wir zu Fuß gegangen. Zur Abkühlung macht erst mal eine Flasche „Berliner Luft“ die Runde, stilecht in Zeitungspapier eingewickelt – street credibility, you know? Dann machen wir uns auf den Weg ins Stadion.

Feine Sahne Fischfilet

Pünktlich um 19 Uhr bringen die ersten Töne des Vorprogramms die Stadionränge zum Vibrieren. Feine Sahne Fischfilet sind zurück in unserer Stadt, spielen im Ostseestadion! In diesem Moment wird nicht weniger als ein neuer Meilenstein der Bandgeschichte gesetzt. Ein gewaltigeres Konzert hier in Mecklenburg-Vorpommern wird es für Monchi und Freunde vielleicht nie geben, was man den Jungs auch anmerkt – schon in den Tagen zuvor als auch jetzt, da sie endlich auf der Bühne stehen.

Ich habe in diesem Jahr ja nun einige ihrer Auftritte erlebt, einige davon sehr eng dran am Geschehen und sogar als Teil davon. Wenn ich daraus etwas mitgenommen habe, ist das vor allem die Begeisterung und Hingabe, mit der die Jungs und ihre Crew jeden einzelnen Gig vorbereiten und dann vor ihr Publikum treten. Wer zu einem ihrer Konzerte geht, darf viel erwarten und kann sich darauf verlassen, nicht enttäuscht zu werden.

Und doch ist dieser Abend im Ostseestadion, der Heimstätte ihres und unseres F.C. Hansa tatsächlich ein besonderes Ereignis, das bei allen noch ein paar Prozent mehr herauskitzelt. Das sieht man den Musikern an, das Leuchten in den Augen macht den Scheinwerfern Konkurrenz, alle sechs platzen fast vor Energie – einer Energie, die sich in Sekundenbruchteilen auf große Teile des Publikums überträgt und dieses nicht mehr loslässt. Besonders im Front-of-Stage-Bereich gibt es kein Halten, es wird getanzt, gehüpft, die Arme wogen im Takt über den Köpfen.

Die emotionalen Momente reißen eine Stunde lang nicht ab, Monchis Ansagen zwischen den Liedern erscheinen mir heute besonders eindringlich. Man spürt eine ungewohnte Ernsthaftigkeit und Fokussierung, in der ersten Viertelstunde wirken die Worte besonders gewählt und nicht so locker und spontan wie gewohnt. Die Anspannung der Tage unmittelbar vor diesem Abend, von außen zusätzlich angefacht durch ebenso scheinheilige wie unnötige Pseudo-Diskussionen, ob „so eine Band“ überhaupt im Ostseestadion spielen dürfe, schwingt – gewollt oder nicht – aus dem Unterbewusstsein auf der Bühne mit, das lässt sich wohl nicht vermeiden.

Schön zu beobachten ist, wie sich Monchi mit jeder Minute mehr aus dieser „Umklammerung“ (das klingt ungewollt dramatisch, aber mir fällt tatsächlich keine bessere Formulierung ein) befreit. Endgültig fällt die Last nach „Niemand wie ihr“ von seinen Schultern. Die Liebeserklärung an seine Eltern (natürlich ist die ganze Familie auf der Tribüne anwesend) sorgt für jede Menge Augenreiben im weiten Rund, was irgendwie befreiend auf alle wirkt.

Mit dem nachfolgenden „Geschichten aus Jarmen“ übernimmt allgemeine Euphorie das Kommando und breitet sich nun auch außerhalb der Front-of-Stage-Zone aus. Dann kommt „Ostrava/Solidarität“. Diese beiden Songs (die einzigen vom ersten Album „Backstage mit Freunden“, die sich bis heute im Live-Programm behaupten konnten) IM OSTSEESTADION zu hören, lautstark mitgesungen von Tausenden, die bei weitem nicht alle der „Szene“ zuzurechnen sind, fühlt sich so unwirklich an, und doch ist es real.

Wenig später sind wir dran mit „unserem“ Lied. Nach dem ersten Anhören von „Sturm & Dreck“ Anfang 2018 war mein spontaner Gedanke: „Niemals Ebbe“ sollte die Hymne von Mecklenburg-Vorpommern sein. Und nun stehe ich mit meinen Ölmützenkollegen auf dieser Bühne, Arm in Arm mit Monchis Vater, und wir singen mit der Band dieses Lied. Jetzt und hier mitzuerleben, wie tausende Menschen in unserem Stadion in diesen Gesang einstimmen und sich dazu im Takt bewegen, setzt meinem ohnehin schon gigantischen Festivalsommer die Krone auf. Schwer vorstellbar, dass das jemals übertroffen werden könnte.

Acht Monate sind vergangen seit der Veröffentlichung von „Sturm & Dreck“. Die schon vorher rasante Entwicklung der Band hat noch einmal an Tempo zugenommen. Nun als Vorband für Marteria ist es auch noch gelungen, außerhalb der eigenen „Zielgruppe“ ein breiteres Publikum für die Musik der Band zu öffnen, den Satz „Also ich kannte ja bisher nichts von FSF, aber das kann man sich durchaus anhören.“ habe ich in den letzten Tagen nicht nur einmal gehört. Ich bin wirklich gespannt, was die Zukunft hier bringen wird. Willkommen im Mainstream. 🙂

Setlist

Zurück in unserer Stadt * Alles auf Rausch * Mit dir * Wir haben immer noch uns * Niemand wie ihr * Geschichten aus Jarmen * Ostrava/Solidarität * Warten auf das Meer * Zuhause * Wut * Wo niemals Ebbe ist * Komplett im Arsch

Marteria

Die Lebensgeschichte des Marten Laciny ist bekanntlich eng mit dem Ostseestadion und dem F.C. Hansa Rostock verknüpft. So ist es auch für jemanden, der nicht persönlich mit ihm bekannt ist, sicher nicht schwer, eine ungefähre Ahnung davon zu entwickeln, wieviel ihm dieses Konzert in seiner Heimatstadt, in seinem Stadion bedeutet. Und so zieht sich die Liebe zu Rostock und seinem Fußballverein wie ein roter Faden durch den Abend, sei es in einigen Songs oder bei Ansagen zwischendurch. Dieser Künstler lebt und liebt Rostock und den FCH, das ist Fakt.

Dass nun ausgerechnet dieses Konzert mal wieder eine neue Runde in der Diskussion um „wahre Fans“ eingeläutet hat, mutet vor diesem Hintergrund schon etwas bizarr an. Von mir dazu nur so viel: Anfang 2015 war eben jener Marten Laciny zusammen mit Paule Beinlich und vielen Freunden maßgeblich beteiligt, dem F.C. Hansa mit einem ausverkauften Benefizspiel dringend für die Lizenzerteilung benötigte Einnahmen zu generieren, wobei der unbedingte Wille zu spielen anschließend erhebliche gesundheitliche Probleme für ihn zur Folge hatte. So schnell kann aus dem beliebten und leicht dahin gesungenen Fanlied „FCH bis in den Tod!“ bittere Realität werden.

Letztlich hat Marten damals direkt und messbar dazu beigetragen, dass unser Verein wenigstens in der 3. Liga bleiben durfte. Es ist also durchaus nicht zu weit hergeholt, heute zu sagen, ohne das damalige Spiel hätten wir in diesen Tagen nicht einmal darüber nachdenken müssen, ob wir nun Hansa nach Meppen begleiten oder zum Konzert ins Ostseestadion gehen. Ganz zu schweigen davon, dass ohnehin niemand irgendwem Rechenschaft für seine Freizeitaktivitäten schuldet. Alles in allem also eine nicht weniger seltsame Diskussion als die schon weiter oben erwähnte.

Wer sich nun für das Konzert im Ostseestadion entschieden hat (der Termin stand ja auch monatelang fest), darf sich in jedem Fall glücklich schätzen, Teil eines historischen Ereignisses gewesen zu sein: die erste ausverkaufte Stadionshow eines Rappers in Deutschland überhaupt. Der Eintrag ins Buch der deutschen Musikgeschichte sei Marten gegönnt, aber wirklich wichtig ist heute eins, und das ist eine gigantische Show mit emotionalen Momenten, die das Publikum von einer Ekstase in die nächste treiben.

Zwischen dem unbändigen Drang, völlig unkontrolliert wie ein Gummiball im Rhythmus der Beats auf dem Boden herumzuspringen („Endboss“, „Adrenalin“), und weit aufgerissenen Augen, die ungläubig das Lichtermeer auf den Tribünen und im Innenraum anstarren („Welt der Wunder“), geht es praktisch im Minutentakt auf und ab. Und muss ich etwas über den herzerwärmenden Anblick der zahlreichen Leuchtfeuer sagen, die „Bengalische Tiger“ illustrieren? Oder die nochmals explodierende Stimmung beim gemeinsamen Auftritt mit Casper? Miss Platnum bei „Lila Wolken“?

Es gibt so viele unglaubliche Höhepunkte, dass es unmöglich ist, sie alle aufzuzählen. Aber ein Song ist in meinem Gedächtnis besonders haften geblieben, und das ist ein „Posse Track“ Marterias und seiner Jugendfreunde und Weggefährten: ERR – OH – ES – TE – OOOOOOH … CEH – KA. Erinnerungen werden wach an die Zeit vor elf Jahren, als die Hansafanszene gegen den heimlichen und stillschweigenden Verkauf des Stadionnamens durch den damaligen Vorstand protestierte. Heute steht Mauler auf der Bühne im Ostseestadion und singt: „Endlich heißt du wieder so.“ Das ist auf so vielen Ebenen großartig, dass mir an dieser Stelle doch mal die Worte fehlen, um das angemessen zu beschreiben. Daher sage ich einfach nur: Danke an Marteria, Pussi, Gabreal, Underdog Cru, Mas Massive, Marlow und Mauler (ich hoffe, ich habe keinen vergessen) für unbeschreibliche sechs Minuten, die vielleicht endgültig meine ursprüngliche Meinung zu Hiphop verändert haben.

Als Marten vor „Mein Rostock“ mit der Rostocker Fahne auf dem Rücken von seinen Emotionen überwältigt minutenlang kaum in der Lage ist, etwas zu sagen, geschweige denn zu singen, kann sich diesem ergreifenden Anblick niemand entziehen, in dessen Körper ein Herz schlägt.

Ich lebe seit 1988 in Mecklenburg-Vorpommern. Der F.C. Hansa Rostock und viele Musiker aus diesem Land sowie Konzerte wie das heute erlebte haben einen wichtigen Anteil daran, dass ich mich hier so heimisch fühle, wie ich mir das vor 30 Jahren nicht mal annähernd ausmalen konnte. Ich freue mich auf die nächsten dreißig.

Setlist

Roswell * Aliens * Endboss * Scotty beam mich hoch * El Presidente * Bengalische Tiger * Tauchstation * Blue Marlin * Marteria Girl * Verstrahlt * Große Brüder * R-O-S-T-O … C-K * Das Geld muss weg * Links

Marsimoto: Grüner Samt * Eine kleine Bühne * Photoshop

Marteria & Casper: Champion Sound * Supernova * Adrenalin

OMG! * Pionier * Kids (2 Finger an den Kopf) * Lila Wolken * Welt der Wunder

Mein Rostock * Feuer * 20 Sekunden

Ein Kommentar zu “Hier spielt die Musik

  1. Schöner Blogpost zu einem großartigen Event. Hat mega Bock gemacht, da diesen Possetrack zu rappen. Und man darf gespannt sein auf die Live DVD 🙂

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