Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Forever Wasted

3 Kommentare

Wasted in Jarmen 2019, 30.&31. August 2019

Alltag raus, Peene rein!

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Meinen sehr individuellen Auftakt zum Festival bietet eine privat organisierte Bootstour im engsten Kreis auf der Peene, dem „Amazonas des Nordens“. Innerhalb weniger Sekunden nach dem Ablegen fällt der Alltag komplett von mir ab und ich bin ab sofort offen dafür, mich den vielfältigen Eindrücken und der besonderen Atmosphäre des „Wasted“ auszuliefern. Diese Art „Entschleunigung“ könnte ich mir durchaus wöchentlich vorstellen, zur Not auch ohne Festival. Danke dafür an unseren Skipper Axel.

Und nun geht es direkt ins Festgetümmel. Das so umfangreiche wie vielfältige Programm an beiden Tagen macht es leider unmöglich, alle Veranstaltungen zu besuchen, daher ist sorgfältige Planung im Vorfeld erforderlich, um möglichst wenig zu verpassen. Eine große Hilfe dabei ist das erstmals aufgelegte Programmheft, das auf 32 Seiten einen guten Überblick über alle Künstler mit Zeitplan und Auftrittsort samt Lageplan bietet, so dass sich tatsächlich jede/r Besucher/in eine persönliche Programmfolge zusammenstellen kann, die unterschiedlichste Vorlieben berücksichtigt. Nach zum Teil schweren innerlichen Debatten und eingedenk meiner noch etwas eingeschränkten Kondition habe ich für mich einen ganz passablen Mix gefunden.

Die „witzigsten“ Hassmails

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Es beginnt mit einer „Lesung“, bei der Monchi und Katharina König-Preuss aus an sie gerichteter Post oder aus Kommentaren in den „sozialen Medien“ zitieren. Besonders bei letzteren kommt einem beim Zuhören das angebliche Einstein-Zitat über die Unendlichkeit des Universums in den Sinn. Aber nicht alles ist so lustig wie die Korrespondenz von Katharina mit einer wütenden Bürgerin über kostenlose WLAN-Nutzung im Abgeordnetenbüro („…schon wieder für Flüchtlinge, wann gibt es endlich mal etwas für Deutsche?“ – „Das kann Jede/r nutzen, nur eben IN unserem Büro.“ … – „Jetzt verlangen Sie auch noch, dass ich dafür extra zu Ihnen komme?“

Weitaus weniger amüsant, im Gegenteil: sehr beklemmend, gerade vor dem Hintergrund der jüngeren Vergangenheit sind die Textauszüge aus einem widerwärtigen Lied der Naziband „Erschießungskommando“, in denen diese ausführlich und anschaulich Ideen zur Tötung der thüringischen Landtagsabgeordneten beschreibt – bekannt auch durch den FSF-Song „Angst frisst Seele auf“.

SOS Rap Girls Grimmen

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Es ist der erste größere Auftritt der jungen Damen, die mit coolen Hooks und originellen Texten das Publikum zu begeistern wissen. Zwischendurch gibt es Beatboxing von zwei Brüdern, deren Namen ich leider nicht mitbekommen habe, sorry. Unterstützt werden die Kids von niemand geringerem als Mauler, was ja allein schon Qualität verspricht. Ich bin auf die weitere Entwicklung dieses Projektes gespannt.

Lappalie

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Ich sehe die Band nicht zum erste Mal, kenne sie schon vom Friedensfest in Demmin am 8. Mai 2018. Die Rostocker spielen eine großartige Musik im Stil der großen Folk-Heroen, Singer/Songwriter oder eben einfach Liedermacher, wie wir das früher nannten. Die Songs und Instrumentalstücke versprühen ein breites Spektrum an Inspiration von Woodie Guthrie über Shane McGowan bis Gerhard Gundermann und gehen in Beine (Farewell to Ireland) und Kopf (Nettelbeckplatz), vor allem aber ins Herz (Jungs vom Warnowdelta) und wollen am liebsten überhaupt nicht wieder hinaus, es ist nur konsequent, dass das nach dem Auftritt erworbene Album „Kanaillen der Straße“ seit meiner Heimkehr vom „Wasted“ nun erst mal den Player blockiert.

Der nach Aussage der Band traditionelle Abschluss jedes Lappalie-Auftrittes sorgt für meinen ersten persönlichen magischen Moment des Wochenendes mit einem Mini-Medley aus dem Zitronen-Klassiker „Für immer Punk“und einer kurz angespielten Folk-Version von „Anarchy in the U.K.“ in deutscher Sprache. Das langfristige Ziel, beim „Wasted in Jarmen“ dabeizusein, war für mich eine bedeutende Kraftquelle und Motivationshilfe in schwierigen Phasen der zurückliegenden Monate, was mir genau jetzt, beim Hören dieses Songs, bewusst wird. Allein dafür hat sich die Quälerei gelohnt. Danke, Lappalie!

Sebastian Krumbiegel

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Wenn ihr Lieder von den Prinzen hören wollt, müsst ihr zu den Prinzen gehen.“ Die eindeutige Ansage gibt die Richtung vor. Das Publikum vor der Freiland-Bühne am Badestrand (O-Ton S.K.: „die schönste Umgebung, in der ich jemals auftreten durfte.“) lässt sich davon nicht abschrecken und geht trotz vieler weitgehend unbekannter und nicht immer mit dem ersten Ton eingängiger Songs begeistert mit, was der Sänger wiederholt mit Dankbarkeit zur Kenntnis nimmt. Es sind Lieder mit Haltung und klarer Aussage, Mitdenken ist erforderlich und ausdrücklich erwünscht. Und bei aller Message kommt der Spaß nicht zu kurz, es ist ja immer noch UNTERHALTUNGSkunst, bekanntlich lautet das Credo des Künstlers, seine Botschaft zu übermitteln, ohne dabei zu missionieren, was Krumbiegel wirklich gut gelingt. Und so müssen wir auch nicht vollständig auf bekannte „Hits“ verzichten, neben „Der schönste Junge aus der DDR“ (Herzbuben) gibt es mit „Fahrrad“ dann doch noch einen Prinzen-Song, auch der eine oder andere Lindenberg-Titel erklingt.

Die RB-Leipzig-Hymne schafft es zum Glück nicht ins Set, wobei mich hier durchaus mal die Reaktion des Publikums interessiert hätte. Wie auch immer, es ist eine kurzweilige, unterhaltsame Stunde mit einem gut aufgelegten Künstler und einem beinahe euphorischen Publikum.

Audio88 & Yassin

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Die Berliner sind für mich inzwischen – auch dank früherer Support-Auftritte bei Feine-Sahne-Konzerten – längst keine Unbekannten mehr und einer der Gründe, dass ich in den letzten Jahren öfter mal Hip-Hop höre, und das sogar zielgerichtet. Zum letzten Mal zelebrieren sie „Hallelujah“, ich bin wieder begeistert von der Aussagekraft der Songs und der sprachlichen Meisterschaft, mit der das „besorgte“ Bürgertum verbal zerlegt wird. Höhepunkte des Abends sind für mich:

Was würde Manny Marc tun?

Schellen

Über Leben in Demmin

Zum Ausklang des Freitags gibt es auf der Freiland-Bühne an der Kiesgrube noch eine Filmvorführung. In eindringlichen und bewegenden Aufnahmen unternimmt der Film den Versuch, das Unbegreifliche der Ereignisse in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges begreifbar zu machen und zu zeigen, wie 70 Jahre später, zum Teil nach Jahrzehnten des Schweigens mit dem Unfassbaren umgegangen wird, wobei es mir für beides schwerfällt, angemessene Worte zu finden. Allgemeingültige Antworten auf Fragen nach dem Unfassbaren gibt der Film nicht, das kann er auch nicht. Wichtig ist, dass Zeitzeugen und Hinterbliebene des ungeheuerlichen Geschehens zu Wort kommen und so ihre persönliche Sicht für künftige Generationen erhalten bleibt. Wer die Möglichkeit hat, den Film zu sehen, sollte diese wahrnehmen.

Roter Hering

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Nur der sehr frühe Vogel fängt den Fisch. Um wenigstens eine kleine Portion Klassenkampfcore abzubekommen, ist zeitiges Aufstehen erforderlich, denn die Rostocker beginnen bereits um 8 Uhr mit ihrem Auftritt. Ganz gelingt mir das nicht, aber ich schaffe wenigstens noch die letzten drei/vier Lieder. Als ich an der Kiesgrube eintreffe, erklingt gerade „El pueblo unido, jamás será vencido“. Die Gedanken wandern zurück ins Jahr 1973, ich war damals gerade 10 Jahre alt und lernte zum ersten Mal etwas über internationale Solidarität, als in Chile die demokratisch gewählte Regierung der Unidad Popular weggeputscht und Präsident Allende ermordet wurde. Die chilenische Folkloregruppe Inti Illimani war damals häufig in der DDR zu Gast und machte dieses Lied sehr populär. Stichwort populär: Es ist eine Wohltat, die italienische Partisanenhymne „Bella ciao“ im natürlichen Arrangement, nur für Stimme(n), und nicht als aufgemotzte Disco/Malle-Zappeldröhnung zu hören. Da hat sich das frühe Aufstehen gelohnt.

Vortrag Iuventa10

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Es ist eine Sache, sich in den Massenmedien über die Zustände entlang der Fluchtwege aus den afrikanischen Krisenregionen nach Europa zu informieren. Aus den Mündern Betroffener (Geflohene wie auch Seenotretter) zu hören, welche Tragödien Tag für Tag auf dem Mittelmeer und, von der Öffentlichkeit nahezu unbeachtet, in der Sahara stattfinden, während gleichzeitig Flucht, Fliehende und Lebensretter kriminalisiert und verfolgt werden, verleiht dem Geschehen noch eine größere Dimension. Die Konsequenz kann nur sein, nichtstaatliche Hilfsorganisationen bestmöglich zu unterstützen, denn auf Behörden ist hierbei nicht zu zählen, im Gegenteil: Man darf schon froh sein, wenn sie die Rettung von Menschen aus Lebensgefahr wenigstens nicht behindern oder juristisch verfolgen.

All den selbsternannten Experten, die sich seit den Ereignissen um die Seawatch3 lautstark und wortreich in den „sozialen Medien“ über internationales Seerecht ausbreiten, sei der Besuch eines solchen Vortrages nahegelegt, um mal aus erster Hand zu hören, was Menschen droht, die in angebliche „sichere Häfen“ beispielsweise in Libyen gebracht werden.

Wochenendrebellen

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Auf die Lesung mit Jason und Mirco beim „Wasted in Jarmen“ habe ich mich ganz besonders gefreut. Ich verfolge die Aktivitäten der beiden seit vielen Jahren, fast seit den Anfangstagen des Projektes. Ich habe das Buch „Wir Wochenendrebellen“ gleich nach seinem Erscheinen gekauft und innerhalb kürzester Zeit gelesen. War ich davon schon schwer beeindruckt, hat das Erlebnis, die beiden Protagonisten persönlich zu treffen, dies noch weit übertreffen.

Zu hören, wie Jason sein selbst verfasstes Einleitungskapitel vorträgt, geht wirklich zu Herzen und sorgt für einen ganz besonderen „Wasted“-Moment, den ich nicht so schnell vergessen werde. Die nachfolgenden, teils ungewöhnlichen Vater-Sohn-Dialoge rufen immer wieder Aha-Effekte, begleitet von Heiterkeit im Publikum, hervor, kleine Kostprobe:

M: Ich sehe gerade, mein Hosenstall ist offen. Wieso sagt mir das denn keiner?

J: Weil das niemanden interessiert!

Ich kann also den Erwerb des jetzt erscheinenden Taschenbuches guten Gewissens empfehlen. Ausführliche Informationen über die Wochenendrebellen findet ihr hier.

Als Mirco 2012 dazu aufrief, Vorschläge für den Lieblingsverein an seinen Sohn zu schicken, konnte ich nicht widerstehen und rührte die Werbetrommel für Hansa. Das Ergebnis ist noch offen, aber der Besuch im Ostseestadion (22. September, Hansa gg. Zwickau) steht nunmehr bevor, einschließlich einer Lesung am Vorabend im Peter-Weiss-Haus. Zahlreiches Erscheinen lohnt sich!*

*Update: Lesung im PWH am 30. November, 18 Uhr.

Olli Schulz

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Ein kurzweiliger Auftritt, der die Wartezeit auf das Hauptereignis nicht zu lang werden lässt. Olli ist bester Laune und bestätigt eindrucksvoll die Prophezeihung seiner Oma: „Wenn du irgendwann mal stirbst, muss man das Maul noch extra totschlagen.“ Olli liefert eine großartige Mischung aus Anekdoten mit viel Wortwitz („Monchi hat mir heute nachmittag seine Peene gezeigt.“) und humorvollen Songs, jede/r sollte einmal in seinem Leben „Spielerfrau“ gehört haben.

Feine Sahne Fischfilet

Um 22:08 Uhr schallen die bekannten Warm-up Songs aus den Boxen: „California über alles“, „Filmriss“, „Halbstark“, dann geht es endlich los, ZWEI STUNDEN ROGGENROLL!

Die Band hat die gewohnte Setliste auf dem Zettel, ein paar kleinere Überraschungen inclusive. Mein persönlicher Höhepunkt, bis zu dem ich trotz starker Schmerzen im Knie tapfer vorn vor der Bühne durchhalte, ist „Solange es brennt“, noch einmal denke ich zurück, wie Feine Sahne Fischfilet nach meiner Diagnose vor einem Jahr eine meiner persönlichen Ketten gebildet haben, während mich ihr Lied durch die Therapie begleitet hat. Jetzt schließt sich der Kreis.

Angst frisst Seele auf“ wird Katharina-König-Preuss gewidmet.

Für „Alles anders“ bekommt Christoph gesangliche Unterstützung von einem Demminer Schulchor, der die Band auch zu den großen Konzerten in Dresden und Berlin begleiten durfte.

Für die Seenotretter (nicht nur) der Iuventa10 und alle Geflüchteten und Fliehenden erklingt „Zuhause“.

Mit „London Calling“ gibt es nach langer Zeit mal wieder einen Cover-Song im FSF-Programm.

Ostrava“ kommt nach dem heutigen Hansa-Erfolg gegen Preußen Münster besonders fluffig herüber und rundet den überaus gelungenen Tag perfekt ab, bevor zum Abschluss dann mit „Komplett im Arsch“ das Veranstaltungsgelände endgültig abgerissen wird.

Hier noch die komplette Setliste:

Zurück in unserer Stadt / Alles auf Rausch / Für diese eine Nacht / Mit dir / Angst frisst Seele auf / Solange es brennt / Niemand wie ihr / Schlaflos in Marseille / Geschichten aus Jarmen / Ich mag kein‘ Alkohol / Alles anders

Dreck der Zeit / Zuhause / Wut / Nur Applaus / Warten auf das Meer / Lass uns gehen / London Calling

Ostrava / Wo niemals Ebbe ist / Wir haben immer noch uns / Komplett im Arsch

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Bleibt abschließend nur noch, danke zu sagen: An alle, die dieses Festival möglich gemacht haben, die zahlreichen Helfer, die einen reibungslosen Ablauf ohne unerfreuliche Nebengeräusche und Störungen gewährleistet haben, an alle Bands und Künstler sowie Vortragenden.

Danke an Feine Sahne Fischfilet für den Mut, dieses Dorffest nun zum vierten Mal und größer als jemals zuvor auf die Beine zu stellen. Und dafür, dass es euch gibt!

Und last, but not least … jede Menge Liebe an Familie Gorkow für die Vermittlung meiner Übernachtungsgelegenheit und die Rundum-Sorglos-Betreuung. Danke!

Still wasted & niemals komplett im Arsch!

3 Kommentare zu “Forever Wasted

  1. Ach Uwi, du rührst mich. Aber schon ne Sauerei, dass du nicht mal einen halben Tag „Wasted“ opferst, um dein Schwesterchen zu besuchen 😉
    Wir sehen uns.

  2. Schön wieder was von dir zu lesen. Viele Grüße!

  3. Pingback: Wasted in Jarmen - Wochenendrebell

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